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Veranstaltungen

Veranstaltungen Herbst 2022

Die Vorlesungen sind öffentlich. Jedermann ist willkommen.
Ort: Vortragssaal, Gemeindestrasse 27, 8032 Zürich

Für die Teilnahme per Zoom ist eine Anmeldung erforderlich an: veranstaltungen@psychologischerclub.ch
Die Vorträge dauern zwischen 1 ¼ - 1 ½ Stunden.
 


Themenschwerpunkt: Brücken bauen

Habentibus symbolum, facilis est transitus.
(Jenen, die das Symbol haben, fällt der Übergang leicht.)
Alchemistischer Lehrspruch von Mylius, 17. Jhd.,
zitiert aus C.G. Jung, Psychologie und Alchemie, S. 263.

Die Idee, die Vorträge im Herbst-Semester 2022 unter das Motto «Brücken bauen» zu stellen, hat sich spontan während meiner ersten Sitzung mit dem Vorstand des Psychologischen Clubs ergeben. Wir leben in einer brüchigen Zeit. Nichts scheint dringlicher zu sein als Brücken zu schlagen.

Unser ganzes Leben ist geprägt von Gegensätzen, Spannungsfeldern und Paradoxien. Und das ist auch recht so, wenn wir daran denken, dass aus ihnen oft neues Leben entsteht. Das Schöpferische setzt Gegensätze voraus. Die Spaltungen allerdings, wie wir sie um uns herum wahrnehmen – und ja, gewiss auch in uns selbst – werden aber zunehmend beängstigend. Wieviel Spannung erträgt es, bevor es zum Kollaps kommt? Die Welt scheint aus den Fugen. Ökosysteme sind heute massiv aus dem Gleichgewicht und politische Strukturen driften bedrohlich noch weiter auseinander. Die Frage, ob wir den Übergang in eine nachhaltige Zukunft schaffen, wird immer beklemmender. Werden die Dialoge in der äusseren Welt allein genügen? Wie können wir eine ersehnte Einheit finden, ohne in die vielfältigen Fallen der Vereinheitlichung zu treten? Wo gibt es eine Brücke, die über menschliche Abgründe hinwegführt? Was vermag uns zu heilen? «Heilen» im Sinn von «ganz machen».

C.G. Jung erachtet die lebendigen Verbindungen zu den uralten, archetypischen Schichten unserer Seele und also zu unserer Instinktnatur als wesentlich. Wir brauchen die Perspektive auf das ganz Andere, damit wir unsere Hoffnung auf eine lebenswerte menschliche Zukunft aufrechterhalten können. Ohne die Gefühlserfahrung, dass wir an etwas Übergeordnetes angeschlossen sind, können wir der vor uns liegenden Zukunft nicht trauen.

Die Brücke als Symbol für Verbindungen und Übergänge jeglicher Art vermag dies auszudrücken: vom Gestern zum Heute und Morgen, vom Diesseits ins Jenseits, vom rationalen Bewusstsein zum irrationalen Unbewussten, von den harten Fakten zur ebenso realen Fantasietätigkeit unserer Seele. Das archetypisch Männliche und das archetypisch Weibliche wollen anscheinend in lebendigem Austausch stehen, um sich in immer wieder neuer Form zu vereinen.
Die Alchemisten wussten viel über solche Vereinigungsprozesse. Sie hatten fantastische Visionen von der coniunctio. Sie mischten unterschiedlichste Substanzen zusammen und beobachteten, ob das geheimnisvolle Eine sich vor ihren Augen einstellen würde. Dank C.G. Jungs Erläuterungen können wir heute ihre Fantasien über die Vereinigung von Gegensätzen – nicht zuletzt des weiblichen und männlichen Elementes in der Natur, des Bewusstseins und des Unbewussten – als einen Kultivierungsprozess höchster Ordnung verstehen. Was die Alchemisten in die Materie projiziert hatten, begreifen wir heute als innerpsychisches Geschehen. Sol und Luna etwa sind heute in uns, genauso wie der König und die Königin, Kupfer und Blei und all die unzähligen Substanzen, die die Alchemisten im vas hermeticum zu wandeln suchten. Diese Brücke ist uns mit Hilfe der archetypischen Psychologie gelungen.

Nun befassten sich die Alchemisten aber nicht nur mit der coniunctio, sondern auch mit dem Geheimnis der separatio, wohl ahnend, dass die Ingredienzien ihres Werkes sorgfältig getrennt sein wollen, bevor eine glückliche Einigung zustande kommen kann. Auch in unserem Bewusstwerdungsprozess ist es nützlich zu wissen, was letztlich womit in Übereinstimmung gebracht werden soll. Dafür brauchen wir ein gut funktionierendes Gefühl. Das Gefühl unterstützt unserer Unterscheidungsfähigkeit und sagt uns, was tatsächlich zusammengehört und was nicht.
Drei Bilder von Brücken mögen uns einstimmen auf die Beiträge des kommenden Semesters.

Teufelsbrücke in der Schöllenen, Kanton Uri

Wo der Mensch nach neuen segensreichen Verbindungen sucht, ist oft auch der Teufel nicht weit. Daran erinnert uns die Sage von der Teufelsbrücke über die Schöllenenschlucht im Kanton Uri:

Schon seit dem 13. Jahrhundert hatten die Urner immer wieder versucht, eine Brücke über die wilde Reuss zu schlagen, um den Weg in den Süden zu sichern. Zu oft waren Säumer mit ihren Maultieren und Waren in die Tiefe gestürzt. Als die Urner wieder einmal darüber rätselten, wie die Schöllenenschlucht zu überwinden sei, rief ein Landamman verzweifelt aus: «Do sell der Tyfel e Brigg bue.» «Soll doch der Teufel selber eine Brücke bauen!» Der Teufel war sogleich zur Stelle und offerierte den Leuten von Uri einen Pakt: Er würde ihnen schon eine sichere Brücke bauen, aber die erste Seele, die die neue Brücke überschreitet, soll ihm gehören. Man ging auf diesen Handel ein und schon bald war eine neue starke Brücke über der Schlucht errichtet. Die Urner werweissten eine Weile, wen sie nun hinüberschicken sollten, bis ein schlauer Bauer die geniale Idee hatte, seinen Geissbock loszubinden und auf die andere Seite zu treiben. Rasend vor Wut, ergriff der betrogene Teufel einen Felsblock und drohte, sein eigenes Werk gleich wieder zu zerstören. Im letzten Moment trat ein altes Weiblein hinzu und ritzte ein Kreuz in den Stein. Und so verfehlte der Teufel sein Ziel. Der Fels rollte weiter, bis er weiter unten im Tal zum Stehen kam, und wo wir ihn noch heute staunend besuchen können.

Symbolisch verstanden hatte das Weiblein mit dem Kreuzzeichen seine eigene Ganzheit ins Geschehen eingebracht. Da war der Teufel glücklicherweise machtlos! Die Brücke wurde zum Segen, denn das Tor zum Süden stand nun offen. Und doch bleibt uns vielleicht ein fader Nachgeschmack beim Gedanken, dass der Teufel ausgetrickst wurde. – Wird er sich wieder melden bei einem nächsten «Brückenprojekt». Wie können wir ihm dann aufrichtiger gerecht werden? Wie gehen wir heute mit dem Schatten um, ohne den es offensichtlich keinen Schritt der Bewusstwerdung gibt? Brauchen wir vielleicht ein Symbol, das auch ihn mitberücksichtigt?


Manchmal müssen wir in unserem Leben eine unbekannte Brücke betreten. Nicht jede Brücke verspricht nämlich auch Gewissheit, dass sie uns zu einem guten Ende führen wird. Einen Traum in aller Konsequenz ernst zu nehmen, kann unter Umständen eine solche Brücke sein: Man weiss nicht immer, wohin das Unbewusste einen führen wird, und doch muss man den Weg gehen. Ein Symbol für das Unbekannte zu haben, oder einen Mythos des eigenen Lebens zu besitzen, ist in diesem Sinn die verlässlichste Brücke in Zeiten des Übergangs.


Schliesslich soll uns das Bild von der Triftbrücke im Grimselgebiet mit Zuversicht erfüllen. Der Mensch darf diese Brücke vertrauensvoll überqueren. Sie wurde errichtet dank eines Zusammenspiels von genialen schöpferischen Einfällen und dem Fleiss menschlicher Brückenbauern. Der tiefe, erschreckende Abgrund ist zwar immer noch vorhanden, ein Handlauf aber auch.

Jeder der Referenten des Psychologischen Clubs im Herbst 2022 wird versuchen, die Symbolsprache seines Stoffes so zu übersetzen, dass er beiträgt, den Übergang (transitus) zu machen: Irene Gerber anhand eines Grimm-Märchens, Ruedi Högger mit Hilfe eines Mythos aus Indien, Eva Wertenschlag in ihrer Studie des Schöpfungsmythos der Dogon, Fides Vögeli im Alexanderroman des persischen Dichters Nizami, Denise Rudin in der Krabat-Sage aus der Lausitz. Und vielleicht wird uns Jim Fitzgerald zeigen, dass sogar das Schweigen, die Stille zur schöpferischen Brücke werden kann.

Die Sehnsucht, Brücken zu schlagen, ist tief in uns drin. Indem der Einzelne in seinem Individuationsprozess begreift, Gegensätze auszuhalten, wird er – so ist jedenfalls unsere Hoffnung – mit der Zeit selbst zur Brücke.

Irene Gerber, Im Juli 2022

 

Programmübersicht
 

    

Zu Beginn des Märchens «Der Bärenhäuter» findet sich der Held in einer Welt wieder, die nicht mehr die ist, die er kennt. Er hat als Soldat im Krieg gedient, seit aber Frieden geschlossen wurde, leidet er Hunger. Alles, was ihm geblieben ist, ist sein Gewehr. Wie in vielen Märchen bildet eine solche Exposition eine Zeitenwende ab, grad so, wie die, in der wir uns selbst befinden. 

Ein kollektiver Wertezerfall bedeutet für den einzelnen Menschen eine Gefahr der geistigen Leere und kann zum Verlust seines Lebenssinns führen. Nicht selten konstelliert sich in einer solchen Situation ein dunkler Schatten. Im Märchen, das wir besprechen wollen, tritt eine teuflische oder vielmehr wotanische Figur auf. Sie fordert vom Helden, ganz persönlich in ihren Dienst zu treten. Sieben lange Jahre darf sich der ehemalige Krieger nicht waschen, Bart und Haare nicht kämmen, die Nägel nicht schneiden und kein Vaterunser beten. Dabei muss er den grünen Rock des Wotan-Teufels und das Fell eines von ihm selbst erlegten Bären tragen. 

Das Märchen lässt uns darüber nachdenken, welche Demütigungen das menschliche Ich unter Umständen erleidet, wenn das kollektive Gottesbild sich wandeln oder erweitern will. Mit welchem Schatten bekommt es der Einzelne zu tun? Was ist das für ein Gottesbild, das uns als Wotan entgegentritt? Was bedeutet es für uns, wenn es offenbar in Zukunft auch berücksichtigt werden will? Glücklicherweise hat das Märchen Antworten auf diese Fragen. Denn es weiss von einem Ring von Bäumen, unter den sich der Held setzen kann. Hier erfährt dieser nicht nur, wie seine schwierige Aufgabe lautet, sondern kann am gleichen Ort nach sieben Jahren vom Teufel verlangen, dass er ihn wieder reinwäscht. Wir müssen solche Symbolik zu verstehen versuchen.

Im Grunde scheint das Unbewusste der eigentliche Akteur zu sein, der Gräben aufreißt, der dissoziiert und spaltet, gerade dann, wenn bisherige religiöse Anschauungen keine rundum wirksamen Antworten mehr geben können. Auf diese Weise hat das Unbewusste offenbar zu allen Zeiten den Wandel von selbstverständlich hingenommenen höchsten Werten im kollektiven Bewusstsein herbeizuführen gesucht. 

Dem Unbewussten entstammen jedoch auch Märchen, die, genauso wie unsere eigenen Träume, etwas Ganzmachendes vermitteln. Das Unbewusste baut auch Brücken. In symbolischen Bildern zeigt «Der Bärenhäuter» Wege auf, die das Unbewusste selbst baut, um dem Menschen in Zeiten tiefer Verunsicherung eine neue Orientierung zu geben. Scheinbar gilt es, den Zeitenwandel nicht nur passiv auszuhalten – was schon schwierig genug wäre –, sondern durch die Bezogenheit auf eine Ganzheit im Unbewussten aktiven Anteil zu haben.

Datum: Samstag, 3. September 2022
Beginn: 17.30 Uhr

Eintritt: Fr. 20, Studenten Fr. 10
für Mitglieder und stat. Gäste frei

     
    

Ein Orientierungsversuch in der Not des Klimawandels

Der ungebremste Klimawandel droht nicht nur unermessliches Leid über die Menschheit zu bringen. Er könnte auch in physikalische Prozesse umschlagen, die allem Leben auf unserem Globus ein Ende setzen würden.

In dieser Not stellt sich mir die Frage: Welche Mitverantwortung trägt der einzelne Mensch – trage ich selber – für das Schicksal der Menschheit und für das Leben auf der Erde insgesamt?

In meinem Orientierungsversuch gehe ich von Bildern und Erfahrungen aus, die ich im Laufe der Jahre in Indien und Nepal gesammelt habe. Zu Beginn möchte ich mir anhand des oben abgebildeten Yantras vergegenwärtigen, wie sich indische Menschen in ihrer Meditation dem Geheimnis von brahman annähern. In der Folge versuche ich darzulegen, was der indische Mythos über brahman erzählt, aber auch wie die Kraft des brahman heute im ganz praktischen Gemeinschaftswerk einer indischen Dorfbevölkerung sichtbare Gestalt annehmen kann. Schliesslich wende ich mich einem Traumbild von brahman zu, das von einem indischen Dorfheiligen ganz selbstverständlich in meinen Lebensalltag übersetzt worden ist und das mich in grosse Verwirrung gestürzt hat.

Im letzten Teil des Vortrags will ich versuchen, alle diese Bilder und Erfahrungen aus Indien auf meine heutige schweizerische Lebenswirklichkeit zu beziehen. Ich möchte dabei besser verstehen, wohin mich der Individuationsweg angesichts der Klimakatastrophe führen will.

Datum: Samstag, 24. September 2022
Beginn: 17.30 Uhr

Eintritt: Fr. 20, Studenten Fr. 10
für Mitglieder und stat. Gäste frei

     
    

C.G. Jung beschrieb in seinen Erinnerungen, wie ihm in Afrika, im Moment des Alleinseins der atemberaubenden Natur gegenüber, die kosmische Bedeutung des Bewusstseins aufgegangen war. …. «Da war ich nun der erste Mensch, der erkannte, dass dies die Welt war und sie durch sein Wissen erst wirklich erschaffen hatte. Hier wurde mir die kosmische Bedeutung des Bewusstseins überwältigend klar. […] der Mensch ist unerlässlich zur Vollendung der Schöpfung, er ist der zweite Weltschöpfer selber, welcher der Welt erst das objektive Sein gibt...»1

Der Schöpfungsmythos der Dogon erzählt von dieser zweiten Schöpfung, als Gott in drei gigantischen Schüben die bisher blinden Menschen mit seinem Wort überfiel und zu Bewusstwerdung und Kultur transformierte. Einen «Umsturz», nannte es der alte Jäger Ogotemmeli im Gespräch mit dem Ethnologen Marcel Griaule. Seither hat der Mensch Kultur entwickelt, die ein dauernder Dialog mit dem Jenseitigen ist und die das «Wort» der Ahnen lebendig hält. Auch unter den Menschen muss das «Wort» in dauernder Bewegung sein, sonst verschwinden die Fruchtbarkeit und die Kultur. Das «Wort» bewegt die Kultivierung und Bearbeitung des Bodens, das Handwerk, die Liebe, das Gespräch, das Kaurigeld, den Tanz. Es ist Wasser und Licht und Fruchtbarkeit. «‹Das Wort›, sagte Ogotemmeli, ‹ist für alle in dieser Welt. Man muss es austauschen. Es muss kommen und gehen. Denn es ist gut, die Lebenskräfte zu geben und zu empfangen.›»

Im Vortrag beleuchte ich die Geisteswelt der Dogon und ausgewählte archetypische Vorstellungen und schlage Brücken zu uns. Über dieses symbolische Leben, diesen heilenden und sinnbringenden Mythos, bekommen wir Einblick in einen archetypischen Menschheitstraum vom Wunder der Bewusstwerdung und der Wandlung, von participation mystique zu einem bewussten Dialog mit dem Grösseren, so wie wir das heute in der Individuation erleben und pflegen. Immer beschäftigt uns die Frage, was bedeuten diese Bilder symbolisch?

C.G. Jung: «Jede Beziehung auf den Archetypus, sei sie erlebt oder bloss gesagt, ist «rührend», das heisst sie wirkt; denn sie löst eine stärkere Stimme in uns aus als die unsrige. Wer mit Urbildern spricht, spricht mit tausend Stimmen, er ergreift und überwältigt, zugleich erhebt er das, was er bezeichnet, aus dem Einmaligen und Vergänglichen in die Sphäre des immer Seienden, er erhöht das persönliche Schicksal zum Schicksal der Menschheit, und dadurch löst er auch in uns alle jene hilfreichen Kräfte, die es der Menschheit je und je ermöglicht haben, sich aus aller Fährnis zu retten und auch die längste Nacht zu überdauern.»2

Das Dogon Graffito zeigt den Ahn, der das «Wort», die Körner und den Regen empfängt. Würde man im Ritus vor der Aussaat das Graffito zu malen vernachlässigen, dann setzte der Regen aus und man hätte keine Kultur mehr. Die Menschen litten an Hunger und Durst und wären ohne Stimme und Wort. Der Priester trägt Bündnissteine um den Hals, die der erste Ahn zurückgelassen hat.

Datum: Samstag, 8. Oktober 2022
Beginn: 17.30 Uhr

Eintritt: Fr. 20, Studenten Fr. 10
für Mitglieder und stat. Gäste frei

1) Erinnerungen, Träume, Gedanken von C.G. Jung, Hrsg. Aniela Jaffé, Olten1971, S. 259.
2) Aus: «Geist in Kunst und Wissenschaft», GW 15, § 129.

     
    
“What was silent in the father speaks in the son, and often I found in the son the unveiled secret of the father.”

Friedrich Nietzsche, Thus Spoke Zarathustra, XXIX

“My memory of my father is of a sufferer stricken with an Amfortas wound, a “fisher king” whose wound would not heal. […] I as a “dumb” Parsifal was the witness of this sickness during the years of my boyhood, and, like Parsifal, speech failed me.”

C.G. Jung, Memories, Dreams, Reflections, p. 20

The human being is the speaking animal, and to be deprived of speech, whether voluntarily or involuntarily, is of crucial significance. Sacrificing our voice separates us from society for a spiritual purpose. To be deprived of one’s voice, to be silenced, is an occasion of humiliation and shame. In either case, Silence belongs to the spiritual dimension of the psyche. As a compensatory activity of the unconscious in relation to the stance of ego-consciousness, it expresses an archetypal energy which interrogates and challenges the ego, moving it beyond the collective and opening up the depths of the unconscious psyche.

In the Bible, Silence is considered as so antagonistic to social human life, it becomes almost identical to the state of death itself. In one or two cases, the condition is visited on the human being by God, as a punishment and as a sign of His great power. In a climactic scene of the trial of Jesus, the silence he maintains in the face of his questioners is a question left to trouble us and to prompt us to find an answer.

There is great power evident in the silent individual and this tends to unsettle people. This problematic issue is the subject of two Grimms fairytales - The Six Swans and Our Lady’s Child. In the former the Silence is voluntary and requires considerable sacrifice, whereas in the latter Silence is imposed as a punishment. Yet the collective response to the disquieting manifestation of Silence is similar in both tales: suspicion and hostility.

This talk will examine the theme of silence in myth, Bible and fairy tale, and hopes to come to some understanding of its significance in the realm of the Psyche.

Datum: Samstag, 29. Oktober 2022
Beginn: 17.30 Uhr

Eintritt: Fr. 20, Studenten Fr. 10
für Mitglieder und stat. Gäste frei

 

    

Wir kennen die Gestalt des Chidher aus der islamischen Volkstradition, aus ihrer Mystik, aus grossen literarischen Werken und aus unzähligen Legenden und Erlebnisberichten. Auch C.G. Jung und Marie-Louise von Franz beziehen sich in ihrem Werk auf Chidher, der auftaucht und wieder verschwindet, weder an Zeit noch an Raum gebunden. Sie verstehen ihn als Personifikation des Geistes des Unbewussten.

Wir kennen Chidher als Ratgeber der Gottesfürchtigen, als Tröster der Verzweifelten, als Wegweiser der Suchenden, als Vermittler zwischen der menschlichen und der göttlichen Welt. Er gilt als Führer der Sufis, der islamischen Mystiker und als der, der die Wüste ergrünen lässt, der Fruchtbarkeit bringt – innere und äussere. So hat er auch das Werk des persischen Dichters und Mystikers Nizami (12. Jh. nach Chr.) inspiriert und ihn beim Schreiben seines Alexanderromans geführt. 

Nach einer kurzen Einführung zur Gestalt des Chidher, möchte ich vor allem auf seine Verbindung mit der Lebensquelle eingehen. Dabei soll die Erzählung, wie Chidher in Nizamis Werk Alexander den Grossen zur in der Finsternis verborgenen Lebensquelle führt und dabei selbst Unsterblichkeit erlangt, im Zentrum meines Vortrags stehen.

Datum: Samstag, 12. November 2022
Beginn: 17.30 Uhr

Eintritt: Fr. 20, Studenten Fr. 10
für Mitglieder und stat. Gäste frei


Krabat-Mühle im Koselbruch im Ortsteil Schwarzkollm von Hoyerswerd

 

  

Das 1971 erschienene, mehrfach prämierte und bis heute populäre Jugendbuch Krabat des deutschsprachigen Autors Ottfried Preussler (1923-2013) erreichte internationalen Bekanntheitsgrad. In diesem spannenden Entwicklungsroman gerät ein Junge namens Krabat in den Bann eines Schwarzmagiers und kann sich schliesslich auch wieder aus dieser Verstrickung lösen. Preusslers Inspiration für Krabat war ein sorbischer Sagenkomplex aus der Lausitz, den er aus seiner Kindheit kannte.

In der Lausitz, einer Region Deutschlands, die sich vom südlichen Brandenburg bis nach Ostsachsen erstreckt, sind die Krabatsagen bis heute Teil des lebendigen und identitätsstiftenden sorbischen Kulturgutes. Mit einer dieser Sagen, deren Ursprünge bis ins 16./17. Jh. zurückreichen, setzt sich der Vortrag auseinander. Im Zentrum steht die archetypische Geschichte eines Zauberlehrlings, der seinen teuflischen Meister herausfordert und sich gegen diesen behaupten muss. Dabei erhält er Unterstützung von weiblichen Figuren. Sie spielen eine wichtige Rolle bei der Erlösung. Die entscheidende Wende führt schliesslich ein Fuchs herbei.

Die Krabatsage beleuchtet die Faszination und den Schrecken des Dunklen und zeigt, wie der Mensch damit ringt. Sie handelt von der Entwicklung und Bewusstwerdung durch die Konfrontation mit dem Schatten. Und sie wirft die Frage auf, welche Bedeutung dabei der Magie zukommt.

Die Motive der Magie und des magischen Wettstreits haben ihre Faszination zu keiner Zeit verloren. Sie scheinen nicht zuletzt angesichts der aktuellen Weltlage nach bewusster Auseinandersetzung zu rufen.

Datum: Samstag, 26. November 2022
Beginn: 17.30 Uhr

Eintritt: Fr. 20, Studenten Fr. 10
für Mitglieder und stat. Gäste frei

     
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