Themenschwerpunkt: Wir in der Natur – die Natur in uns
Unter dieses Motto liessen sich beinahe alle Themen stellen, die uns je beschäftigen, von natürlichen Alltagserfahrungen des Einzelnen bis hin zu den ganz grossen Fragen der Menschheit. Wir sind eingebettet in die unermessliche Weite der Natur und gleichzeitig findet die Natur Raum in der begrenzten Kreatur Mensch.
Wir sind Natur, jedenfalls auch Natur.
Wenn wir nach draussen in die Natur gehen, in die Wälder oder Berge, an einen Fluss oder ans Meer, kann uns die Natur in unbeschreiblicher Pracht erscheinen. Die unermessliche Vielfalt der Pflanzen- und Tierwelt ist schlicht hinreissend. Die Natur bringt uns zum Staunen, sie ist voller Wunder. Gerne lassen wir uns verzaubern von der Feinheit von Schmetterlingsflügeln oder der Kargheit einer rohen Felslandschaft. Beobachtungen der Natur im mikroskopischen Bereich können uns genauso mit tiefempfundener Ehrfurcht erfüllen, wie der Blick hinauf zu den Sternen im unendlichen Universum.
Welche Weisheit steckt hinter solcher Schönheit? Oder welches Geheimnis der Natur reguliert die Zyklen von Entstehen, Gedeihen, Vergehen und Wiedererblühen?
Wir sind umgeben von Natur, und auch unser eigener Körper funktioniert nur dank scheinbar ausgeklügelten «Ideen» der Natur, die bei allen Kenntnissen der Wissenschaften längst nicht erforscht sind. Der Mensch lebt von der Natur, nährt sich von der Natur, muss ihr aber auch viel abringen, um überhaupt zu überleben. Sie schenkt ihm alles, was sie hat: Boden, Wasser, Licht, Nahrung. Aber sie kann ihm in einem Felssturz, durch Dürre, Flut oder Krankheit, auch alles wieder nehmen. Die Natur ist in dieser Hinsicht voller Grausamkeit und Ungerechtigkeit.
Die Gottesvorstellungen vieler Kulturen zeigen, dass der Mensch immer schon die Notwendigkeit gespürt hat, die Natur beziehungsweise die Götter gnädig zu stimmen. Er wusste, dass er auf Gedeih und Verderben von den göttlichen Mächten der Natur abhängig ist.
Als seelische Kraft verstanden erleben wir die Natur als die vielleicht stärkste Macht im ganzen Kosmos, im Guten wie im Schlechten. Was uns seelisch-geistig belebt und was unsere Bewusstwerdung vorantreibt, ist Natur. Ohne sie gäbe es keine Liebe und keine Wärme. Nichts Neues würde je entstehen. Jedoch machen wir auch das, was wir als Komplexe erfahren, als Dämonen, als Getriebenheit, als zerstörerische Affekte, nicht selber, auch hier ist die Natur am Werk. Sie kann auch in dieser Hinsicht Horror und Schrecken verbreiten. Deshalb könnten wir in Anbetracht der Brutalität der Natur leicht in ein Gefühl der Ohnmacht versinken. Und manchmal finden wir uns einfach nur verloren in der Natur.
So unsäglich klein und hilflos wir uns der Natur gegenüber fühlen mögen, so haben wir doch, paradoxerweise, eine unbedingt ernstzunehmende Verantwortung der Natur gegenüber, womit alle erdenklichen Aspekte des sogenannten Umweltschutzes angesprochen sind, aber genauso die Ethik inneren Erfordernissen der Seele gegenüber.
Das Motto dieses Semesters könnte auch lauten «Wie nähern wir uns der Göttin Natur?». Es käme so eine Einstellung zum Ausdruck, die eine religiöse Bezogenheit auf die Natur für zentral erachtet. Wir würden spüren, dass es an uns selbst liegt, eine adäquate Beziehung zur Natur zu suchen. Vielleicht sogar, dass es darauf ankommt, ob und wie wir die Göttin Natur befrieden können.
Im weitesten Sinn befassen sich alle Vorträge im Herbst 2025 mit der Beziehung des Menschen zur Natur, zur äusseren biologischen Natur oder zur inneren, psychischen Natur. Das Motto wurde allerdings nicht vorgegeben, es hat sich vielmehr aus den Ausschreibungstexten der Referenten herauskristallisiert.
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Robert Matthews beginnt das Herbstsemester 2025 mit einem auf Englisch gehaltenen Vortrag über den Parzival-Mythos. Parzival von Wolfram von Eschenbach entstand in einer Zeit, in welcher das weibliche Prinzip – und damit die Natur überhaupt – zu einer gewissen Geltung kommen konnte. Das aufgrund der Institutionalisierung der Kirche vorherrschende hierarchische, auf Macht und Kontrolle fokussierte Denken, wurde, zumindest eine Zeit lang, durch eine Verehrung des Weiblichen ergänzt.
Agnes Hidveghy kündet bereits in ihrem Titel «Erlösung der Schlange» an, worum es im Grunde bei der Frage nach der äusseren und inneren Natur geht: Die uns oft unheimlich anmutende Naturgewalt des Unbewussten, repräsentiert in der Schlange, will anscheinend vom Menschen erkannt werden.
Denise Rudin präsentiert in ihrem Vortrag einen Teil ihrer Recherche zu C.G. Jungs Reise ins Unbewusste, so wie sie in Jungs Skizzen, Bildern und Skulpturen dokumentiert ist. Jung sah sich – von seiner inneren Natur – gedrängt, diesen Weg zu gehen. Später, in seinem weiteren Leben, führte er seine inneren Erfahrungen in seinem immensen wissenschaftlichen Gesamtwerk zur differenzierten Realisierung. Selbst bei dieser kaum zu ermessenden menschlichen Anstrengung war er von der Natur getragen, vom geistigen Aspekt der Natur.
Nikola Patzel, der sowohl Umweltwissenschafter als auch analytischer Psychologe ist, schlägt in seinen Arbeiten einen grossen Bogen: Bei ihm ist Natur nie nur aussen oder nur innen. Seine Ausführungen fussen einerseits in seiner praktischen Erfahrung bei landwirtschaftlichen Forschungsprojekten und andererseits in der Tiefenpsychologie.
Ursula Nussbaumer befasst sich schon seit vielen Jahren mit Paracelsus, jenem Arzt und Alchemisten, bei dem die Begriffe der inneren und äusseren Natur manchmal in rätselhafter Art und Weise kombiniert und sehr oft auch neu erfunden werden.
Katharina Bona erläutert Stationen der christlichen Märtyrerin Perpetua aus dem 2. Jahrhundert. Die Natur meldete sich auch hier und schenkte der jungen, zum Tod verurteilten Frau eindrückliche Visionen. Ein bedeutender Kampf zwischen zwei Gottesbildern spielte sich in ihrem Unbewussten ab. Und wenn wir uns diese Visionen als Kompensation zu ihrem unvorstellbaren Leiden auffassen – würden sie nicht zuletzt einen gnädigen Aspekt der Natur darstellen.
Juli 2025, Irene Gerber