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Veranstaltungen

Veranstaltungen Frühjahr/Sommer 2022

Betreffend Pandemie halten wir uns an die Bestimmungen des BAG.
Eine Anmeldung für den Besuch der Veranstaltungen vor Ort und für die Teilnahme per Zoom ist erforderlich. 

Anmeldung an: veranstaltungen@psychologischerclub.ch 
(neue Mailadresse )


Die Vorlesungen sind öffentlich. Jedermann ist willkommen.
Ort: Vortragssaal, Gemeindestrasse 27, 8032 Zürich

Themenschwerpunkt: Strom des Lebens - Strom der Zeit

Das Corona Virus ist eine Herausforderung, weltweit. Manch einer fragt sich, wo die hintergründigen Werte sind, jenseits der Statistiken, durch die wir gegenwärtig überrollt werden und die letztlich doch nur wenig zum Sinn dieses Geschehens beitragen. Ich glaube sagen zu können, dass alle Beiträge dieses Programms in der einen oder anderen Weise sich auf den „verborgenen Strom des Geschehens, der unter der Oberfläche des aktuell historisch Fassbaren dahinfliesst“, beziehen (Marie-Louise von Franz, „Nike und die Gewässer der Styx“). 

Vor einigen Jahren habe ich in Beirut (Libanon) auf einem byzantinischen Altar die Abbildung einer corona entdeckt, an die ich jetzt immer wieder zurückdenken muss. Sie zeigt einen kleinen Gebetsaltar, dekoriert mit der corona, dem Gebetskranz oder eben der Krone. In der Antike setzte sich der Betende einen solchen Kranz aufs Haupt, als Zeichen dafür, dass er sich selbst zurück nimmt, um sich ganz der Gottheit zuzuwenden. Der im Mittelalter aufkommende Rosenkranz, ebenso wie die viel ältere Gebetsschnur erinnern bis heute an dieses aus byzantinischer Zeit stammende Ritual der Hingabe an die Gottheit.

Das Seminar von Regine Schweizer-Vüllers über den Aufsatz von Marie-Louise von Franz „Nike und die Gewässer der Styx“ ist ganz dem Thema dieser Vortragsreihe gewidmet, geht es doch darin um die dunklen unfassbaren Gewässer der Unterwelt, dem Herrschaftsbereich der Göttin Styx. Sie bestimmt das Schicksal ganzer Völker. Nike, die Tochter der Styx, ist viel bewusstseinsnäher, aber nicht weniger schicksalsbestimmend als ihre Mutter. Je mehr wir die Macht dieser beiden Göttinnen erahnen, umso mehr Sinn können wir auch im heutigen Weltgeschehen finden. 

Der Beitrag von Gotthilf Isler mit seiner Besinnung auf die eigenen, individuellen Wurzeln des Menschen geht in dieselbe Richtung. Diese Wurzeln greifen in die Tiefen des kollektiven Unbewussten hinab (oder auch hinauf!). Das erinnert an die Stelle auf den ersten Seiten von Jungs Erinnerungen, Träume, Gedanken, wo er über das Rhizom spricht. Was über dem Boden wächst, die ganze Pracht des blühenden Baumes, verwelkt – eine ephemere Erscheinung. Doch das Rhizom, das Wurzelgeflecht, dauert. Und dann fügt Jung den tröstlichen Gedanken hinzu, dass er selbst nie das Gefühl verloren habe für etwas, das unter dem ewigen Wandel lebt und dauert. Glücklich, wer das sagen kann!

Rolf Inderbitzi ist Facharzt für Thoraxchirurgie. Als solcher weiss er um die Verletzlichkeit des Herzens. In seinem Vortrag aber wendet er sich der symbolischen Bedeutung des Herzens zu. Wir wissen nicht, schreibt er, warum das Herz im sechswöchigen Embryo zu schlagen beginnt. Es bleibt wohl immer ein Geheimnis. Der Vortragende kennt die heutige hochspezialisierte Chirurgie aus jahrzehntelanger Erfahrung, doch er weiss auch um den Hintergrund einer archetypische Schöpferkraft, in der Soma und Psyche in bis heute unbekannter Weise ineinander verwoben sind. Das ist das Feld der Psycho-Kardiologie, dessen Erforschung sich Ärzte wie Rolf Inderbitzi widmen.

Die Sehnsucht nach der Ganzheit ist wohl die tiefste Sehnsucht des Menschen. Sie ist Thema des Beitrags von Susanne Weiss zum Grimm Märchen „Die Bienenkönigin“. Es ist ein langer Weg, von der vermeintlichen Klugheit hin zur eigenen Erkenntnis und zur Weisheit des Dummlings, die doch so einfach ist. Angesichts eines Ameisenhaufens sagt er seinen Brüdern: „Lasst die Tiere in Frieden, ich leid‘s nicht, dass ihr sie stört.“ Dieselbe Haltung zeigt er gegenüber den Enten und Bienen. Die Verbundenheit mit den animalisch-instinktiven Schichten der unbewussten Psyche erweist sich darin als dem westlichen Rationalismus überlegen.

Katharina Bona hat sich ein schwieriges Thema vorgenommen: die mit der Liebe verbundene Schuld. Sie geht dieser Frage anhand der biblischen Geschichte von David und Batseba nach (2. Sam. 11 f.). Nicht von Schicksalsgöttinnen ist hier die Rede, wohl aber vom Schicksal zweier Menschen, die dem göttlichen Willen unterworfen sind, die sich dagegen wehren, um sich dann doch dem Urteilsspruch Natans, des Propheten und Abgesandten Gottes, zu unterwerfen. In Demut. Nach dem Verlust des ersten Kindes wird ihnen ein Sohn geboren, Salomo, der zukünftige mächtige König und Begründer des ersten Tempels in Jerusalem (1. Könige 6). Eine Geschichte voller Finsternis und Licht, wie eben das Leben und die Liebe selbst. 

Die Sinologin Ursula Brasch entführt uns anhand des von Richard Wilhelm übersetzen Textes „Das Geheimnis der Goldenen Blüte“ in die Welt östlicher Weisheit. In einer Rede zum Gedächtnis Richard Wilhelms am 10. Mai 1930 spricht Jung von seiner Begegnung mit dem Sinologen „jenseits der akademischen Grenzpfähle“. „Dort“, fährt er fort, „sprang der Funke über, der jenes Licht, welches mir zu einem der bedeutsamsten Ereignisse meines Lebens werden sollte, entzündete.“ (GW 15, § 74) Im Beitrag von Ursula Brasch wird es aber zunächst um Übersetzungsfragen gehen und um die damit verbundene Rezeption dieses daoistischen Textes in der Analytischen Psychologie. 

Zu dem grossen Thema von Ost und West führt uns auch der Beitrag von Christian Kessner aus Dresden. – Er spricht zum archetypischen Hintergrund des Slawischen im Osten Deutschlands, wo in der geografischen Region der Lausitz das kleinste der slawischen Völker lebt, die Lausitzer Sorben. Die – für uns Schweizer kaum bekannte – sorbische Kultur gründet auf Östlichem ebenso wie auf Westlichem. Die Fruchtbarkeit, welche der Referent aus dem Zusammentreffen dieser beiden Ströme erwachsen sieht, wird uns an einzelnen Zeugnissen sorbischen Lebens dargestellt.

Gunhild Pörksen aus Freiburg im Br. befasst sich seit vielen Jahren mit dem in ganz Europa ruhelos umhergereisten Arzt und Schriftsteller Paracelsus, der im frühen 16. Jahrhundert gelebt hat. Er war, wie kaum einer, vom Strom seiner Zeit erfasst, ein homme qui marche eben, wie ihn die Referentin treffend bezeichnet. Gerade darin aber erweist er sich als überaus modern, als hätte er die Ruhelosigkeit der heutigen Zeit um Jahrhunderte vorweggenommen. Der Mensch Paracelsus hat seit je fasziniert und schon immer Rätsel aufgegeben. So dürfen wir gespannt sein, was die Referentin auf Grund ihrer profunden Kenntnis seiner kaum überschaubaren Schriften uns berichten wird. 

Es folgt der Beitrag der Dramaturgin Fedora Wesseler und des Schriftstellers Thomas Hürlimann mit dem überraschenden Titel „Platons Frösche und Andersens Kröte“. Zwei Welten werden hier nebeneinandergestellt, die man nicht so leicht mit einander verbinden würde; die philosophische Welt des Sokrates, der angesichts des ihm bevorstehenden Todes in aller Ruhe und Gelassenheit über die letzten Dinge philosophiert, auf der einen, und die Märchenwelt Andersens auf der andern Seite. Das verbindende Glied ist der Frosch beziehungsweise die Kröte, und da stellt sich mit Thomas Hürlimann in der Tat die Frage: Wie hat der Frosch/Mensch Zugang zur Welt der ewigen Ideen, und mit Fedora Wesseler die Frage: Was geschieht, wenn die Kröte/der Mensch den Brunnenrand übersteigt? Auch hier können wir gespannt sein. 

Zum Abschluss vor der Sommerpause folgt ein schon lange geplanter Ausflug ins C.G. Jung Museum in Gommiswald, das im Mai 2022 offiziell eröffnet werden soll. Hier befinden sich unter anderem die Archive von Marie-Louise von Franz und Barbara Hannah, sowie weitere Kostbarkeiten aus dem Kreis dieser beiden Frauen und von C.G. Jung. Initiant der Schweizerischen Stiftung Museum für Analytische Psychologie nach C.G. Jung und Geschäftsleiter des Museums ist der analytische Psychologe Emmanuel Kennedy.

Alle Vorträge können im Psychologischen Club besucht oder über ZOOM mitverfolgt werden. Sie sind herzlich willkommen. Eine Anmeldung ist erforderlich.

Andreas Schweizer, im November 2020

 


Corona, Gebetskranz aus byzantinischer Zeit, Beirut, Libanon

 

Programmübersicht
 


Die Göttin Nike, Terracotta, Attika, 4. Jahrh. v. Chr.,
Staatliche Kunstsammlungen München

 

  

Gedanken über den Aufsatz
Marie-Louise von Franz‘ „Nike und die Gewässer der Styx“

„Die Schicksale der Völker gleichen, wie C.G. Jung einmal hervorhob, einem nicht gebändigten Strom, der sich, rücksichtslos alles mitreissend, dahin ergiesst.“ Mit diesem gewaltigen Bild beginnt der Aufsatz von Marie-Louise von Franz, der auf einen Vortrag zurückgeht, den sie vor vielen Jahren einer Gruppe von Sanitätsoffizieren der Schweizer Armee unter freiem Himmel auf dem Dorfplatz von Sachseln vorgetragen hat. 

Nike, die Göttin des Sieges, gehört zu den sogenannten Göttern des Augenblicks. Sie soll, nach Auffassung der Griechen, Sieg oder Niederlage, Tod oder Leben, Untergang oder Entwicklung von Völkern, von Kulturen und auch von einzelnen Menschen bewirken. Die Göttin Nike entscheidet, wenn Gegensätze feindlich aufeinandertreffen, welche Seite gewinnt oder welche verliert. Sie wirkt aber nur im gegebenen Augenblick, im Hier und Jetzt und ist nicht der letzte Grund für die entscheidenden Veränderungen. Hinter ihr steht eine noch viel grössere göttliche Macht, die Göttin Styx, welche die dunklen unfassbaren Gewässer der Unterwelt regiert. Mit ihr sind Entwicklungen symbolisiert, die Jahrhunderte dauern.

Auch unsere heutige Zeit gleicht einem reissenden Strom. Die Ereignisse überstürzen sich, bisher feststehende Werte lösen sich auf. Zahlen und Statistiken füllen die Bildschirme und Seiten der Zeitungen und lassen die Menschen ratlos zurück. Feindliche Gräben tun sich auf. Wer hat recht, wer liegt falsch? Wer gewinnt, wer verliert? Selbst die menschliche Sprache, die doch eigentlich zur Verständigung da sein sollte, scheint immer weniger zu funktionieren. Was ist los?

Marie-Louise von Franz‘ Aufsatz „Nike und die Gewässer der Styx“ ist kein einfach zu lesender Text. Doch dadurch, dass er uns zeigt, wie hinter allem vordergründigen zeitlichen Geschehen eine viel tiefere und grössere seelische Macht wirkt, vermittelt er Sinn und kann trösten. Wir werden in diesem Seminar nicht den ganzen Aufsatz, dafür aber einzelne Aspekte des Textes, einzelne mythologische Bilder, Symbole oder auch Rituale genauer anschauen und versuchen, besser zu verstehen.

Der Text ist zu finden in: Marie-Louise von Franz, Archetypische Dimensionen der Seele, Daimon Verlag, S. 284 – 314. Eine Broschüre kann, solange Vorrat, gegen eine Gebühr von fünf Franken beim Psychologischen Club bestellt werden. Teilnehmer per Zoom sind willkommen.

Datum: Samstag, 29. Januar 2022
Dauer: 14.00 bis 15.30 und 16.00 bis 17.30 Uhr

Eintritt: Fr. 50 für alle Teilnehmer

     


Blühender Kirschbaum bei der Schwanheimer Düne
Quelle: Elena.dehl, Wikipedia: Wiki loves Earth 2019

 
  

In einem kurzen, einführenden Vortrag (ca. 35 Minuten) wird Gotthilf Isler zeigen, was ihm das Wichtigste der Psychologie von C.G. Jung ist. In der anschliessenden Diskussion sollen die eigenen Erfahrungen und Gedanken der Teilnehmer zu Wort kommen.

Datum: Samstag, 12. Februar 2022
Zeit: 17.30 Uhr

     
    

Die moderne Medizin basiert auf naturwissenschaftlichen Prinzipien. Die in Diagnostik und Therapie eingesetzten Techniken und Technologien stellen Ergebnisse der dahinterstehenden Forschung dar. Aufgrund dessen wird die Medizin zunehmend unter den Begriff der Biosciences subsummiert. Gleichzeitig tritt mehr und mehr die positive Erkenntnis ein, dass sich der Wortanteil Bio- nicht im Somatischen erschöpft, sondern ebenso einen psychisch-geistigen Anteil enthält, welcher im Menschen stets präsent ist und wirkt. So hat sich in den letzten Jahren z.B. die Psycho-Kardiologie als eigenständige Disziplin etabliert. Wie die Psyche u.a. in Träumen den Menschen lebensformend begleitet, indem sie dessen Handlungen eindrücklich kompensiert und komplementiert, so reagiert auch der Körper auf unser ganzes Tun und Lassen sofort oder mit chronisch werdenden Veränderungen. 

Kein Ort, kein Teil des Körpers nähert sich dem Wesen des Lebens insgesamt und symbolisch derart anschaulich an, wie das Herz. Die Faszination des Herzsymbols liegt in dessen Tiefe und Weite. Zuerst ist es die einfache Tatsache, dass das Herz schlägt, dass die Materie lebt. Das Schlagen des Herzens setzt im sechswöchigen Embryo bis heute unerklärt und geheimnisvoll ein, und pulsiert ab dann, bis die letzte Systole den Tod bedeutet.

Physikalisch wird so im Herzen die Schwingung des Lebens sichtbar: im Meer, auf der Erde und in der Luft – ubiquitär und unablässig ist sie in unterschiedlichsten Lebewesen und vielfältigen Frequenzen vorhanden. Kosmische Schwingungen, zum Beispiel das messbare, sogenannte Hintergrundrauschen reichen zurück bis zum Uranfang (Big Bang). Sie alle sind archetypische Symbole für eine lebendige Schöpferkraft. 

Das Herz ist mit sämtlichen Gefühlsregungen, unserem ganzen psychischen Leben, physiologisch und funktionell derart eng verwoben, dass ihm in allen Kulturen ein kardinales Wissen über das Wesen des Gefühls zugesprochen, es als Sitz von Bezogenheit und Eros angesehen wurde. Stockt das Herz oder schmerzt es, entsteht Todesangst. Die Diagnosen Angsterkrankung und Herzneurose sind Synonyme. Letztere tritt oft beim Typus des Muttersohns auf. Da ihm eine eigene Verwurzelung im Erdhaften fehlt, ist in ihm die Entwicklung von Beherztheit, Mut, Selbstverantwortung stark erschwert. 

Die Herzensbildung obliegt der weiblichen, mütterlichen Welt. Fehlt sie, ist das Herz kalt und Ichhaftigkeit nimmt überhand. Aber auch eine fehlende Abgrenzung von der Aussenwelt und der daraus entstehende Stress zerstören die harmonische Grundschwingung des Herzens. Ein Drittel der Menschen mit Burnout weisen Herzrhythmusstörungen unterschiedlicher Schwere auf. Das Herz wird ein Ort des Leidens und der Krankheit, wenn sein Träger gegen das ihm innewohnende, ausgewogene, harmonische-rhythmische Leben zuwiderhandelt.

Liebe und Hingabe hingegen entflammen das Herz. Ein weites, ruhiges Herz wiederum vermag sich dem Göttlichen zu öffnen, es nimmt symbolisch in vielen Hochkulturen den Platz der Mässigung, der Ausgewogenheit ein.

Datum: Samstag, 26. Februar 2022
Beginn: 17.30 Uhr

Eintritt: Fr. 20, Studenten Fr. 10
für Mitglieder und stat. Gäste frei

     


Bienenanhänger aus der minoischen Kultur, ausgegraben in Malia, Kreta, 1800-1700 v. Chr. Der Anhänger befindet sich heute im Archäologischen Museum in Heraklion.
Quelle: wikimedia.org., Bild von Cayambe

 
  

"Die Bienenkönigin" ist eines der bekannteren Märchen der Brüder Grimm. In ihren Kinder- und Hausmärchen trägt es die Nr. 62. 

Zwei Königssöhne, die sich für klug halten, ziehen in die Welt hinaus und geraten in ein wildes, wüstes Leben, in dem sie, so scheint es, stecken bleiben. Der dritte Sohn, der Dummling, findet seine zwei Brüder, und sie gehen gemeinsam weiter. Sie kommen zu einem Schloss, in dem alles Leben zum Stillstand gekommen ist. Ein graues Männchen, das einzige lebendige Wesen, stellt ihnen drei Aufgaben, durch die sie das Schloss erlösen können. Mit der Unterstützung hilfreicher Tiere können die schwierigen Aufgaben vollbracht werden. Die drei schlafenden Königstöchter wachen auf und das Leben kehrt ins Schloss zurück. Der Dummling heiratet die jüngste und liebste Königstochter und wird der neue König.

Im Märchen der Bienenkönigin drückt sich menschliche Sehnsucht nach seelischer Ganzheit aus. Am Anfang dominieren rational geprägte Klugheit und Ichhaftigkeit das kollektive Bewusstsein. Diese einseitige Haltung führt dazu, dass die Lebensenergie irgendwo versickert. Das Bild des Bienennestes im Baum, an dem die drei Brüder später vorbeikommen, bildet den Gegenpol zum wilden, wüsten Leben. Es ist so viel Honig im Bienennest, dass er am Baumstamm herunterläuft. Hier fliesst das Leben.

Der Dummling, die Ameisen, Enten, Bienen, das graue Männchen, die Perlen und natürlich die Bienenkönigin: sie alle sind wunderbare erlösende Symbole in diesem Märchen. Ihre Bedeutung scheint mir heute aktueller und wichtiger denn je. Wie können wir diese Symbole psychologisch verstehen? Welche unbewussten Aspekte unserer Psyche verkörpern sie? Was können sie zu einer vollständigeren Bewusstseinshaltung beitragen, die das Leben wieder fliessen lässt?

Datum: Samstag, 12. März 2022
Beginn: 17.30 Uhr; der Vortrag dauert 90 Minuten

Eintritt: Fr. 20, Studenten Fr. 10
für Mitglieder und stat. Gäste frei

 

     


Stationen der Batseba-Erzählung Kreuzritterbibel; 13. Jh.

 
  

Die Geschichte des alttestamentarischen Königs David, der seinem Begehren nach der schönen Batseba nachgibt und sich in der Folge aufs Schwerste gegen Gottes Gesetz versündigt, steht sinnbildlich für den inneren Kampf eines Menschen mit seinem Schatten, in den ihn die Liebe unverhofft stürzen kann.

Diese Erfahrung verändert das Leben des Königs von Grund auf, wie dies im realen Leben denjenigen Menschen geschehen kann, die – auf der Suche nach dem Sinn ihres Lebens – der Zwiespältigkeit des Eros begegnen. Batseba, die Frau, die in der Davidgeschichte nur selten und wenn, dann fast nie mit ihrem Namen erwähnt wird, hat in schicksalshaften Momenten eine zentrale Rolle inne. Sie wird zur Mutter des neuen Königs, Salomo, dem Jahwe als erstem weltlichem Herrscher erlaubt, ihm, dem ambivalenten Gott, ein festes Haus zu bauen, den Tempel in Jerusalem. An ihrer Seite steht Natan, der weise Berater am Hof. Er überbringt David die Nachricht Jahwes, die Strafe für die schwere Schuld, die der König mit dem Ehebruch und dem darauffolgenden Mord an Urija auf sich geladen hat, in Form eines Gleichnisses. Und er, Natan, ist es auch, der Batseba an Davids Sterbebett schickt, um ihn an sein Versprechen zu erinnern, dass Salomo einst seinen Thron erben würde. Batseba scheint einem inneren Ratgeber zu folgen, der beides sein kann, weise und machthungrig, denn sie steht unter dem Einfluss von Natan, dem Diener zweier Herren, des Königs und Jahwes. Sie ist die, die den Mann als unbewusste Animafrau (im Bad, das vom Dach des Palastes aus sichtbar ist) verführt und sich im Lauf der Geschichte zu seiner Seelenführerin entwickelt. Ihr gemeinsames Schicksal, der Tod des ersten Kindes, die Trauer um ihren Mann Urija, Davids Einsicht in seine Schuld, seine Sühne vor Gott, erwecken in beiden Beteiligten eine verloren geglaubte Fähigkeit zu fühlen und zu lieben. 

Biblische Geschichten haben ihre Wurzeln in alten Zeiten, das heisst, sie fussen im Unbewussten und spiegeln den Gefühlszustand eines Volkes. Vom Anfang der Geschichte Israels, die geprägt ist von der Grausamkeit der Eroberungskriege – auch König David hat Blut an den Händen – bis zum Schluss, wo er seinem und Batsebas Sohn Salomo den Thron übergibt, ist ein langer Weg.

In meinem Vortrag möchte ich zeigen, dass David, der exemplarische, sündige Mensch, sich der inneren Stimme Gottes, in jungscher Sprache dem Selbst, beugt und die Konsequenzen seines Handelns auf sich nimmt. Seine Geschichte lässt uns erkennen, dass Anfechtungen, Verirrungen und Umwege auf unserem Individuationsweg gottgewollt sein mögen, weil wir ohne sie und das damit verbundene Leiden den Weg Richtung Mitte nicht erkennen könnten. Die Geschichte Davids, des Königs, ist ein Sinnbild für die Wandlungsfähigkeit der Liebe, die den Menschen in Licht und Finsternis stürzt, ihn inspiriert und zum Leben erweckt.

Datum: Samstag, 26. März 2022, 17.30
Beginn: 17.30 Uhr; der Vortrag dauert 90 Minuten

Eintritt: Fr. 20, Studenten Fr. 10
für Mitglieder und stat. Gäste frei

     


Richard Wilhelm

 
  

Der chinesische Text „Geheimnis der Goldenen Blüte“ beschreibt ursprünglich eine Meditationspraxis und ist ein Zeugnis daoistischer Alchemie. Er liegt uns inzwischen in zahlreichen Übersetzungen vor, eine der wichtigsten ist die Übersetzung des deutschen Sinologen Richard Wilhelm. 

Der Vortrag stellt einige zeitgenössische Rezeptionen des Textes vor. Darüber hinaus wird der Versuch unternommen C.G. Jungs Verständnis und seine Projektionen in diesen Text darzustellen und ein Missverständnis aufzuklären, das in der Übersetzung begründet liegt.

Vermutlich wollte Richard Wilhelm seine Übersetzung an die Terminologie Jungs anpassen, indem er beispielsweise die Begriffe „Animus und Anima“ wählte. Damit veränderte und beeinflusste er das Verständnis des ursprünglichen Textes. 

Der Vortag unternimmt den Versuch, das Übersetzungsproblem zu klären und die Folgen für die Rezeption des klassischen Textes in der Jungschen Psychologie zu diskutieren. 

Datum: Samstag, 2. April 2022
Beginn: 17.30 Uhr

Eintritt: Fr. 20, Studenten Fr. 10
für Mitglieder und stat. Gäste frei

     


Luzica – Lausitz – Sumpfland
Quelle: Grosse/Nowotny, Wo der Wassermann wohnt, Domowina, Bautzen, 1988

  

Zum Archetypus des Slawischen in der Lausitz im Osten Deutschlands

„Genau im Mittelpunkt unseres Kontinents – wie viele hierzulande irrtümlich glauben, also auch der Welt – entspringt die Satkula, ein Bach, der sieben Dörfer durchfliesst und dann auf den Fluss trifft, der ihn schluckt. Wie die Atlanten, so kennt auch das Meer den Bach nicht, aber es wäre ein anderes Meer, nähme es nicht auch das Wasser der Satkula auf." (Jurij Brezan) 

„Ein Fluss symbolisiert immer den Fluss des Lebens, den Fluss der Energie, der lebendigen Energie, die ihre Dynamik aus den Gegensätzen bezieht. Ohne Gegensätze gibt es keine Energie. Der Fluss ist ein ewiges Sinnbild, und die Durchquerung eines Flusses und die Überbrückung eines Flusses sind wichtige Symbole für die Berührung der Gegensätze, die Energie erzeugen.“ (C. G. Jung) 

Die Lausitz ist eine Landschaft ganz im Herzen Europas. Rings umgeben vom deutschen Sprachraum lebt hier bis heute das Volk der Sorben, das kleinste unter den slawischen Völkern. 

Der Referent, selbst in dieser Gegend aufgewachsen, beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit den geistigen Wurzeln dessen, was Besuchern der Lausitz als etwas Besonderes imponiert. Dieses Besondere dürfte seinen Grund darin haben, dass wir es in der Lausitz mit einem Zusammentreffen der grossen geistigen Strömungen von Ost und West zu tun haben. 

Der Referent lauscht in seinem Vortrag der Frage nach, in welchen Bildern des Archetypischen sich dieses Zusammentreffen vielleicht zeigt. Die Reibungen von Ost und West können hier ebenso schmerzlich empfunden wie in ganz eigener Weise fruchtbar werden. 

Lassen Sie sich einladen, etwas von diesem Hintergrund zu erfahren und davon, wie sich dieser in der so überaus reichen sorbischen Kultur ausdrückt.

Datum: Samstag, 23. April 2022
Beginn: 17.30 Uhr

Eintritt: Fr. 20, Studenten Fr. 10
für Mitglieder und stat. Gäste frei

     


Alberto Giacometti, l’homme qui marche

 
  

Theophrastus Bombast von Hohenheim, genannt Paracelsus (1493 – 1541) war Arzt. Und er war Schriftsteller. Er hat ein wissenschaftliches Werk von nicht zu fassendem Umfang hinterlassen: Medizin, Anthropologie, Heilpflanzen, Elementenlehre, Kosmologie, Alchemie, Bäderkunde, Berufskrankheiten, Elementargeister... Allein seine „Medizinischen, naturwissenschaftlichen und naturphilosophischen Schriften“ belaufen sich auf 14 Bände, ganz zu schweigen von seinen theologischen und sozialethischen Arbeiten, die bis heute noch nicht vollständig ediert sind.

Das Unterwegssein, die Wanderschaft, die Landfahrerei – wohl überwiegend zu Fuss und bei weitem nicht immer freiwillig – sind Konstanten in seinem Leben: als acht- oder neunjähriges Kind mit dem Vater von Einsiedeln (Schweiz) nach Villach (Kärnten), als fahrender Schüler auf dem Weg zu Hohen Schulen in Deutschland, Frankreich, Italien, auf der Flucht vor drohenden Gefängnisstrafen aus Salzburg und später aus Basel, möglicherweise als Feldarzt in Venedischen, Dänischen und Niederländischen Kriegen, als Wanderarzt durch halb oder ganz Europa auf der Suche nach einer wirksamen Medizin, nach einer Erfahrungsheilkunde, nach Erfahrung im umfassendsten Sinn! L´homme qui marche...

Paracelsus‘ Zuname oder Pseudonym ist weitberühmt, seine unglaublich weitgespannten philosophischen Schriften dagegen sind - mit relativ wenigen Ausnahmen - kaum bekannt. Nicht ernst genommen wurden seine Intentionen, verborgen ist sein Wesen.

Ich möchte versuchen, durch Selbstaussagen und kleine Szenen, die Paracelsus en passant in seinen medizinischen und naturwissenschaftlichen Schriften erwähnt, etwas vom inneren Erleben dieses aussergewöhnlichen Menschen zu berichten.

Gunhild Pörksen lebt und arbeitet in Freiburg im Br. Seit Mitte der 80-er Jahre publiziert sie Übersetzungen und Kommentare zu einzelnen Werken des Paracelsus.

Hier seien folgende erwähnt: 

  • Paracelsus. Vom eigenen Vermögen der Natur, eine Sammlung von frühen Schriften dieses Grenzgängers zwischen Magie und Wissenschaft, 
  • Paracelsus. Der andere Arzt: Das Buch Paragranum
  • Paracelsus. Septem Defensiones – Die Selbstverteidigung eines Aussenseiters
  • Philosophie der Grossen und Kleinen Welt – Aus der Astronomia Magna sowie
  • Das Buch von den Nymphen, Sylphen, Pygmaeen, Salamandern und übrigen Geistern (mit Faksimile der Ausgabe Basel 1590). 


Datum: Samstag, 14. Mai 2022
Beginn: 17. 30 Uhr

Eintritt: Fr. 20, Studenten 10
für Mitglieder und stat. Gäste frei

     
    

Im Frühherbst 2022 erscheint von Thomas Hürlimann ein neuer Roman. Darin kommt eine Roman-Figur auf Platons „Phaidon“ zu sprechen. Also musste sich der Autor genauer mit diesem Text beschäftigen, einem der vier Dialoge, die den Tod des Sokrates behandeln. Er wandte sich an die Komparatistin Fedora Wesseler und erhielt von ihr den Hinweis, dass Platons „Phaidon“ und ein Märchen von H. C. Andersen, „Die Kröte“, auffällige Parallelen aufweisen. Die erneute Lektüre ergab: In Kenntnis von Andersens Märchen erscheint der Dialog des Philosophen in einem neuen Licht. Und vice versa. Vom „Phaidon“ her betrachtet, erkennt man in Andersens Märchen eine neue Dimension. 

Die Parallele der beiden Texte möchten Fedora Wesseler und Thomas Hürlimann in einem Parallel-Vortrag aufzeigen. 

Hürlimann übernimmt den Platon-Teil. Sokrates, den Schierlingsbecher trinkend, unterhält sich mit seinen Jüngern über die letzten Dinge. Dabei stellte er die Welt als Kugel dar, mit zahlreichen Kratern, worin wir Menschen leben – wie Frösche in einem Sumpf. Über uns haben wir die funkelnden Edelsteine des Himmels, aber die sind, sagt Platon, „Dinge, wie sie an sich sind.“ Es stellt sich also die Frage: Wie hat der Mensch / der Frosch einen Zugang zu jener Welt der ewigen Ideen?

An dieser Stelle übernimmt Fedora Wesseler. In Andersens Märchen lebt eine Kröte am Grunde eines Brunnens. Von ihrer Mutter, die einmal im Wassereimer nach oben gezogen wurde, weiss sie, dass der Brunnen nicht die ganze Welt ist und dass manche Kröten einen Edelstein im Kopf tragen. Sie folgt ihrer Sehnsucht nach der Welt dort droben, klettert über den Brunnenrand und sieht über sich den Himmel. Da kommt ein Storch, schnappt sich die Kröte und trägt sie mit sich in die Lüfte. Gelangt die Kröte auf diese Weise ans Ziel ihrer Sehnsucht?

Abschliessend soll eine Verbindung zwischen Platons Kosmologie, Andersens Märchenwelt und der Archetypenlehre von C. G. Jung angedeutet werden. 

Fedora Wesseler stammt aus Köln und ist Dramaturgin am Staatstheater am Gärtnerplatz, München. 2011 Promotion an der Sorbonne mit einer Arbeit zu Oper und Theater um die Jahrhundertwende. Es folgten Engagements als Dramaturgin in Zürich, bei den Salzburger Festspielen sowie als Leitende Dramaturgin für Musiktheater und Konzert am Theater Lübeck. Neben zahlreichen wissenschaftlichen Aufsätzen veröffentlichte sie Übersetzungen von Theaterstücken, Prosa (Thomas Hürlimann, Quarante roses), Opernlibretti und Lyrik.

Thomas Hürlimann wurde 1950 in Zug, Schweiz, geboren. Gymnasium an der Stiftsschule Einsiedeln. Studium der Philosophie in Zürich und an der FU Berlin. Letzte Veröffentlichung, der Essay-Band „Abendspaziergang mit dem Kater“, 2019 bei S. Fischer-Verlag. Sein Werk besteht aus Romanen, Novellen und Theaterstücken und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u. a. dem Gottfried-Keller-Preis 2019, gemeinsam mit Adolf Muschg. Hürlimann ist Dr. h.c. der theologischen Fakultät der Universität Basel.

Datum: Samstag, 11. Juni 2022
Beginn: 17. 30 Uhr, Dauer des Vortrags 45 Min.

Eintritt: Fr. 20, Studenten 10
für Mitglieder und stat. Gäste frei

     
 

C. G. Jung Museum, Gommiswald (Eröffnung Mai 2022)





 
  

Besichtigung des C.G. Jung Museums mit Führung durch Emmanuel Kennedy und Ursula Stüssi; anschliessend Besuch der Anima Mundi - Buchhandlung und Galerie zur Förderung der Psychologie C.G. Jungs und des Werks von M.-L. von Franz.

Datum          
Samstag, 2. Juli 2022
 
Beginn
Die Führung wird wenn nötig doppelt durchgeführt.
10 – 12.30 h mit anschliessendem Mittagessen
14 – 16.30 h mit Mittagessen um 12.45 h

Eintritt
Fr. 20, Mittagessen separat im Restaurant Älpli, Gommiswald

Adresse
C.G. Jung Museum, Rickenstrasse 22, 8737 Gommiswald
Anima Mundi Buchhandlung und Galerie: Rickenstrasse 25, 8737 Gommiswald

Anmeldung bis 27. Juni 2022 an: veranstaltungen@psychologischerclub.ch

Hin- und Rückfahrt 
Mit Privatautos: Wir bitten Sie, bei der Anmeldung mitzuteilen, wie viele Personen bei Ihnen mitfahren können bzw. ob Sie mit jemandem mitfahren möchten.
Per Bahn bis Uznach, danach Bus bis Haltestelle Gommiswald, Gauenhof. 

Zu sehen sind Zeugnisse des Werks und Wirkens C. G. Jungs sowie symbolische Manifestationen der unbewussten Psyche. Herz der Ausstellung ist der Versuch, den Individuationsprozess – Jungs „Hauptwerk“ – anhand von Serien von Bildern aus Träumen, Visionen, aktiven Imaginationen und spontan entstandenen schöpferischen Phantasien zu veranschaulichen. 

Einen zentralen Platz in der Ausstellung nimmt neben C. G. Jung (1875 – 1961) das Werk von Marie Louise von Franz (1915 – 1998) ein. Bestandteil der Ausstellung ist auch das Lebenswerk von Barbara Hannah (1891 – 1986) und anderen bedeutsamen MitarbeiterInnen C. G. Jungs.

     
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