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Jungsche Begriffe im allgemeinen Sprachgebrauch

Ausgewählt von Ursula Kiraly-Müller

Viele von C.G. Jung geprägte Begriffe sind mittlerweile in den allgemeinen Sprachgebrauch eingeflossen, ohne dass noch wirklich gewusst ist, was C.G. Jung damit gemeint hat. Deshalb sind hier einige der Schlüsselbegriffe in Zitaten direkt von C.G. Jung zusammengefasst.

Quellen siehe Werkverzeichnis

 

Nach meiner Meinung ist das Unbewusste als die Totalität aller derjenigen psychischen Phänomene aufzufassen, denen die Qualität der Bewusstheit mangelt… Daher enthält das Unbewusste alle verlorenen Erinnerungen, ausserdem auch alle diejenigen Inhalte, welche noch zu schwach sind, um bewusstwerden zu können… Zu diesen Inhalten kommen auch alle mehr oder weniger absichtlichen Verdrängungen peinlicher Vorstellungen und Eindrücke. Die Summe aller dieser Inhalte bezeichne ich als das persönliche Unbewusste. Darüber hinaus aber finden wir im Unbewussten auch die nicht individuell erworbenen, sondern vererbten Eigenschaften, also die Instinkte… Dazu kommen die a priori vorhandenen, das heisst mitgeborenen Formen der Anschauung, der Intuition, [und] die Archetypen von Wahrnehmung und Erfassung, welche eine unvermeidliche und a priori determinierende Bedingung aller psychischen Prozesse sind. Wie die Instinkte den Menschen zu einer spezifisch menschlichen Lebensführung veranlassen, so zwingen die Archetypen die Wahrnehmung und Anschauung zu spezifisch menschlichen Bildungen. Die Instinkte und die Archetypen der Anschauung bilden das kollektive Unbewusste. Ich nenne dieses Unbewusste kollektiv, weil es im Gegensatz zu dem oben definierten Unbewussten nicht individuelle, das heisst mehr oder weniger einmalige Inhalte hat, sondern allgemein und gleichmässig verbreitete.

(C.G. Jung, Gesammelte Werke 8 / Instinkt und Unbewusstes / 1919, 1948 / § 270 / kursiv im Original)

Dieses so definierte Unbewusste beschreibt einen ungemein schwankenden Tatbestand: alles, was ich weiss, an das ich aber momentan nicht denke; alles, was mir einmal bewusst war, jetzt aber vergessen ist; alles, was von meinen Sinnen wahrgenommen, aber von meinem Bewusstsein nicht beachtet wird; alles, was ich absichts- und aufmerksamkeitslos, das heisst unbewusst fühle, denke, erinnere, will und tue; alles Zukünftige, das sich in mir vorbereitet und später erst zum Bewusstsein kommen wird; all das ist Inhalt des Unbewussten. …Zum Unbewussten müssen wir aber auch (…) die bewusstseinsunfähigen, psychoiden [d.h. körperlichen] Funktionen rechnen, von deren Existenz wir nur indirekt Kunde habe.

(C.G. Jung, Gesammelte Werke 8 / Theoretische Überlegungen zum Wesen des Psychischen / 1946, 1954 / § 382)

So kommen wir zu dem paradoxen Schluss, dass es keinen Bewusstseinsinhalt gibt, der nicht in einer anderen Hinsicht unbewusst wäre. Vielleicht gibt es auch kein unbewusstes Psychisches, das nicht zugleich bewusst ist.

(C.G. Jung, Gesammelte Werke 8 / Theoretische Überlegungen zum Wesen des Psychischen / 1946, 1954 / § 385 / kursiv im Original)

„Archetypus“ ist praktisch synonym mit dem biologischen Begriff des pattern of behavior. Da dieser Begriff aber vor allem äussere Phänomene umschreibt, wählte ich für das „psychische pattern“ den Terminus „Archetypus“. Wir wissen nicht, ob der Webervogel ein inneres Bild schaut, wenn er beim Nestbau einer uralten und ererbten Strukturform folgt, aber soweit unsere Erfahrung reicht, hat bestimmt kein Webervogel je sein Nest selbst erfunden. Es ist, als ob das Bild des Nestbaus mit dem Vogel geboren wurde.

Kein Tier wird ohne seine Instinktstruktur geboren; so besteht auch kein Grund zur Annahme, dass der Mensch ohne spezifische physiologische und psychologische Reaktionsformen geboren wird. In der ganzen Welt zeigen artgleiche Tiere die gleichen Instinktphänomene, ebenso zeigt der Mensch, wo er auch lebt, die gleichen archetypischen Strukturen. Instinkthandlungen müssen dem Tier nicht beigebracht werden; ebenso eignen dem Menschen seine psychischen Grundformen, die er spontan wiederholt, ohne sie je gelernt zu haben. Insofern der Mensch bewusst ist und die Fähigkeit der Introspektion besitzt, ist ihm auch die Möglichkeit gegeben, seine Instinktstrukturen in Gestalt archetypischer Bilder wahrzunehmen. Wie zu erwarten, ist diese Darstellung annähernd universal.

(C.G. Jung, Briefe II / 13.2.1954 / an Prof. G.A. van den Bergh van Eysinga / S. 374 f / kursiv im Original)

Das Ichbewusstsein erscheint als von zwei Faktoren abhängig: erstens von den Bedingungen des kollektiven respektive sozialen Bewusstseins, und zweitens von den unbewussten kollektiven Dominanten, respektive Archetypen. Diese zerfallen phänomenologisch in zwei Kategorien, einerseits in die Trieb- und anderseits in die archetypische Sphäre. Erstere repräsentieren die natürlichen Antriebe, letztere jene Dominanten, die als allgemeine Ideen ins Bewusstsein treten.

(C.G. Jung, Gesammelte Werke 8 / Theoretische Überlegungen zum Wesen des Psychischen / 1946, 1954 / § 423)

Komplexe sind, nach allem was wir von ihnen wissen, psychische Grössen, die sich der Kontrolle des Bewusstseins entzogen haben und, von diesem abgespalten, ein Sonderdasein in der dunklen Sphäre der Seele führen, von wo aus sie jederzeit bewusste Leistungen hemmen oder fördern können.

(C.G. Jung, Gesammelte Werke 6 / Psychologische Typen / 1921 / § 923)

Es sind sogenannte „wunde Punkte“… Sie enthalten stets Erinnerungen, Wünsche, Befürchtungen, Verpflichtungen, Notwendigkeiten oder Einsichten, mit denen man irgendwie nicht recht fertig werden kann, weshalb sie sich immer störend und meist auch schädlich in unser bewusstes Leben einmischen.

(C.G. Jung, Gesammelte Werke 6 / Psychologische Typen / 1921 / § 924)
 

Offenbar sind Komplexe eine Art Minderwertigkeiten im weitesten Sinne, wozu ich gleich bemerken muss, dass ein Komplex oder Komplexe–Haben nicht ohne weiteres Minderwertigkeit bedeutet. Es will nur besagen, dass Unvereintes, Unassimiliertes, Konflikthaftes besteht, ein Hindernis vielleicht, aber auch ein Anreiz zu grösseren Anstrengungen, und damit vielleicht sogar eine neue Erfolgsmöglichkeit. Komplexe sind daher in diesem Sinne geradezu Brenn- und Knotenpunkte des seelischen Lebens, die man gar nicht missen möchte, ja, die gar nicht fehlen dürfen, weil sonst die seelische Aktivität zu einem fatalen Stillstand käme. Aber sie bezeichnen das Unerledigte im Individuum, den Ort, wo es zum mindesten vorderhand eine Niederlage erlitten, wo es etwas nicht verwinden oder überwinden kann, also unzweifelhaft die schwache Stelle in jeglicher Bedeutung des Wortes.

(C.G. Jung, Gesammelte Werke 6 / Psychologische Typen / 1921 / § 925 / kursiv im Original)

Jedermann weiss heutzutage, dass man „Komplexe“ hat. Dass aber die Komplexe einen haben, ist weniger bekannt, aber theoretisch umso wichtiger… Der Komplex muss daher ein psychischer Faktor sein, der, energetisch gesprochen, eine Wertigkeit besitzt, welche zeitweise diejenige der bewussten Absicht übersteigt, sonst wären ja solche Durchbrechungen der Bewusstseinsordnung gar nicht möglich. In der Tat versetzt uns ein aktiver Komplex momentan in einen Zustand der Unfreiheit, des Zwangsdenkens und –handelns, wofür unter Umständen der juristische Begriff der „beschränkten Zurechnungsfähigkeit“ in Frage käme.

(C.G. Jung, Gesammelte Werke 8 / Allgemeines zur Komplextheorie / 1934 / § 200 / kursiv im Original)

Der Anblick [von Temperamentsunterschieden] hat mich vor die Frage gestellt: Gibt es mindestens zwei verschiedene Menschentypen, von denen der eine sich mehr für das Objekt, der andere sich mehr für sich selber interessiert?

(C.G. Jung, Gesammelte Werke 7 / Das Problem der Einstellungstypen / 1916, 1942 / § 61)
 

Ich habe mich mit dieser Frage lange beschäftigt und bin schliesslich auf Grund vieler Beobachtungen und Erfahrungen zur Aufstellung zweier Grundhaltungen und Einstellungen gelangt: nämlich der Introversion und der Extraversion. Erstere Einstellung ist, wenn normal, gekennzeichnet durch ein zögerndes, reflexives, zurückgezogenes Wesen, das sich nicht leicht gibt, vor Objekten scheut, sich immer etwas in der Defensive befindet und sich gerne versteckt hinter misstrauischer Beobachtung. Letztere ist, wenn normal, charakterisiert durch ein entgegenkommendes, anscheinend offenes und bereitwilliges Wesen, das sich leicht in jede gegebene Situation findet, rasch Beziehungen anknüpft und sich oft unbekümmert und vertrauensvoll in unbekannte Situationen hinauswagt, unter Hintansetzung etwaiger möglicher Bedenken. Im Falle der Introversion ist offenkundig das Subjekt, in jenem der Extraversion das Objekt ausschlaggebend.

(C.G. Jung, Gesammelte Werke 7 / Das Problem der Einstellungstypen / 1916, 1942 / § 62 / kursiv im Original)

Extraversion und Introversion (…) entscheiden über die Frage, ob Bewusstseinsinhalte auf äussere Objekte oder aufs Subjekt bezogen werden. Sie entscheiden also darüber, ob der Akzent auf dem Aussen oder dem Innen liegt. Dieser Faktor wirkt so nachhaltig, dass daraus auch äusserlich erkennbare, habituelle Einstellungen, das heisst Typen entstehen.

(C.G. Jung, Gesammelte Werke 8 / Psychologische Determinanten des menschlichen Verhaltens / 1929 / § 250 / kursiv im Original)

Der Schatten ist ein moralisches Problem, welches das Ganze der Ichpersönlichkeit herausfordert, denn niemand vermag den Schatten ohne einen beträchtlichen Aufwand an moralischer Entschlossenheit zu realisieren. Handelt es sich bei dieser Realisation doch darum, die dunklen Aspekte der Persönlichkeit als wirklich vorhanden anzuerkennen. Dieser Akt ist die unerlässliche Grundlage jeglicher Art von Selbsterkenntnis und begegnet darum in der Regel beträchtlichem Widerstand. Bildet die Selbsterkenntnis eine psychotherapeutische Massnahme, so bedeutet sie oft eine mühsame Arbeit, die sich auf lange Zeit erstrecken kann.

(C.G. Jung, Gesammelte Werke 9/II / Aion / 1951 / § 14)

(Der Schatten ist) jene verhüllte, verdrängte, meist minderwertige und schuldhafte Persönlichkeit, welche mit ihren letzten Ausläufern bis ins Reich der tierischen Ahnen hinaufreicht und so den ganzen historischen Aspekt des Unbewussten umfasst.

(C.G. Jung, Gesammelte Werke 9/II /Aion / 1951 / § 422)

(Bei genauerer Untersuchung entdeckt man aber, dass der Schatten) nicht nur aus moralisch-verwerflichen Tendenzen besteht, sondern auch eine Reihe guter Qualitäten aufweist, nämlich normale Instinkte, zweckmässige Reaktionen, wirklichkeitsgetreue Wahrnehmungen, schöpferische Impulse und anderes mehr.

(C.G. Jung, Gesammelte Werke 9/II /Aion / 1951 / § 423)

(Der Individuationsprozess ist) die spontane Verwirklichung des ganzen Menschen. Der ichbewusste Mensch bedeutet nur einen Teil des lebenden Ganzen, und sein Leben stellt noch keine Verwirklichung des Ganzen dar. Je mehr er blosses Ich ist, desto mehr spaltet er sich vom kollektiven Menschen, der er auch ist, ab und gerät sogar in einen Gegensatz zu diesem. Da aber alles Lebende nach seiner Ganzheit strebt, so findet gegenüber der unvermeidlichen Einseitigkeit des Bewusstseinslebens eine beständige Korrektur und Kompensation von Seiten des allgemein menschlichen Wesens in uns statt, mit dem Ziel einer schliesslichen Integration des Unbewussten im Bewusstsein oder besser, einer Assimilation des Ich an eine umfangreichere Persönlichkeit.

(C.G. Jung, Gesammelte Werke 8 / Vom Wesen der Träume / 1945 / § 557 / kursiv im Original)

Das Individuum ist von ausschlaggebender Bedeutung, denn es ist Träger von Leben und Existenz. (…) Was wir brauchen, ist die Entwicklung des inneren, geistigen Menschen, das einmalige Individuum, dessen Kostbarkeit in der mythologischen Überlieferung einerseits und in der unbewussten Seele anderseits verborgen ist.

(C.G. Jung, Briefe II / 7.1.1955 an Upton Sinclair / S. 437)

Ich habe den Terminus [Synchronizität] gewählt, weil mir die Gleichzeitigkeit zweier sinngemäss, aber akausal verbundener Ereignisse als ein wesentliches Kriterium erschien. Ich gebrauche hier also den allgemeinen Begriff Synchronizität in dem speziellen Sinne von zeitlicher Koinzidenz zweier oder mehrerer nicht kausal aufeinander bezogener Ereignisse, welche von gleichem oder ähnlichem Sinngehalt sind. Dies im Gegensatz zu „Synchronismus“, welcher die blosse Gleichzeitigkeit zweier Ereignisse darstellt.

(C.G. Jung, Gesammelte Werke 8 / Synchronizität als ein Prinzip akausaler Zusammenhänge / 1952 / § 849)

So bedeutet denn Synchronizität zunächst die Gleichzeitigkeit eines gewissen psychischen Zustandes mit einem oder mehreren äusseren Ereignissen, welche als sinngemässe Parallelen zu dem momentanen subjektiven Zustand erscheinen und – gegebenenfalls – auch vice-versa.

(C.G. Jung, Gesammelte Werke 8 / Synchronizität als ein Prinzip akausaler Zusammenhänge / 1952 / § 850)

Psyche kann kein „ganz Anderes“ sein als Materie, denn wie könnte sie dann den Stoff bewegen? Und Stoff kann der Psyche nicht fremd sein, denn wie könnte er sie denn erzeugen? Psyche und Materie sind in einer und derselben Welt, und eines hat am anderen teil, sonst wäre Wechselwirkung unmöglich.

(C.G. Jung, Gesammelte Werke 9/II / Aion / 1951 / § 413)

Früher oder später werden sich Atomphysik und Psychologie des Unbewussten in bedeutender Weise annähern, da beide, unabhängig voneinander und von entgegengesetzter Seite, in transzendentales Gebiet vorstossen, jene mit der Vorstellung des Atoms, diese mit der des Archetypus.

(C.G. Jung, Gesammelte Werke 9/II / Aion / 1951 / § 412)

Die Seele als ein selbstregulierendes System ist balanciert wie das Leben des Körpers. Für alle exzessiven Vorgänge treten sofort und zwangsläufig Kompensationen ein… So ist auch das Verhältnis zwischen Bewusst und Unbewusst ein kompensatorisches… In diesem Sinne kann man die Kompensationslehre als eine Grundregel für das psychische Verhalten überhaupt erklären.

(C.G. Jung, Gesammelte Werke 16 / Die praktische Verwendbarkeit der Traumanalyse / 1931, 1947 / § 330 / kursiv im Original)
 

Aus all diesen Gründen mache ich es zur heuristischen Regel, mir bei jedem Traumdeutungsversuch die Frage vorzulegen: Welche bewusste Einstellung wird durch den Traum kompensiert? Damit setze ich, wie ersichtlich, den Traum in engste Beziehung zur Bewusstseinslage, ja ich muss sogar behaupten, dass ein Traum ohne Kenntnis der bewussten Situation überhaupt nie auch nur mit annähernder Sicherheit gedeutet werden kann. Nur aus der Kenntnis der Bewusstseinslage heraus ist es möglich auszumachen, welches Vorzeichen den unbewussten Inhalten zu geben ist. Der Traum ist kein isoliertes, vom Tagleben und dessen Charakter völlig abgeschnittenes Ereignis. Erscheint er uns so, so ist das nichts als unser Nichtverstehen, eine subjektive Illusion. In Wirklichkeit besteht zwischen dem Bewusstsein und dem Traum strengste Kausalität und ein aufs feinste abgewogenes Beziehungsverhältnis.

(C.G. Jung, Gesammelte Werke 16 / Die praktische Verwendbarkeit der Traumanalyse / b1931, 1947 / § 334)

Deshalb ist jeder Traum Informations- und Kontrollorgan und darum das wirksamste Hilfsmittel beim Aufbau der Persönlichkeit.

(C.G. Jung, Gesammelte Werke 16 / Die praktische Verwendbarkeit der Traumanalyse / 1931, 1947 / § 332)
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