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Das Rote Buch

EINFÜHRUNG

Das Rote Buch, in welchem C.G. Jungs Abstieg ins Unbewusste in überaus reicher und bildhafter Symbolik beschrieben und illustriert ist, erschien im Jahre 2009 in Deutsch und Englisch. Allen voran die Stiftung der Werke von C.G. Jung sowie die Philemon Foundation haben neben einem beträchtlichen finanziellen Beitrag eine riesige Arbeit geleistet, um dieses wohl persönlichste Werk von C.G. Jung der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die jahrelangen sorgfältigen Recherchen des Herausgebers Sonu Shamdasani tragen viel dazu bei, das nicht immer einfach zu lesende Buch besser zu verstehen. Es enthält die Imaginationen von C.G. Jung sowie sein Nachdenken über die Bilder des Unbewussten, die dieser in der Zeit nach der Trennung von Sigmund Freud (1912) niedergeschrieben und in den folgenden Jahren mehrmals überarbeitet hat. Jung hatte damals die Lebensmitte erreicht und musste sich innen wie aussen ganz neu orientieren. Zur Basis dieser Neuorientierung wurde ihm mehr und mehr die Wirklichkeit der Seele, die er im Roten Buch mit schonungsloser Offenheit und Ehrlichkeit, aber auch mit zunehmender Gewissheit ihrer schöpferischen Kraft erforschte. Dass wir nun Zeugen dieses Ringens werden können, kann uns helfen, die seelischen Hintergründe der Analytischen Psychologie, das heisst das kollektive Unbewusste, tiefer zu verstehen. Etwas von dem unerschöpflichen Reichtum des Roten Buches soll im Folgenden angedeutet werden.

Dr. Andreas Schweizer

«IN UNS IST DER WEG, DIE WAHRHEIT UND DAS LEBEN.»
C.G. JUNG UND DAS ROTE BUCH

Dr. Andreas Schweizer, Zollikon

Während in ganz Europa der Krieg tobte, während des Ersten Weltkrieges, hat C.G. Jung ganz im Verborgenen am Roten Buch gearbeitet, immer auf der Suche nach der Seele, nach der Anima und dem Weiblichen. In seinem Ringen um den Geist der Tiefe, begegnete er dem Schatten und dem Leiden der Seele. Jung war damals sehr isoliert. 1912 erschien sein Werk Wandlungen und Symbole der Libido, ein gewaltiges Werk über die mythologische Sprache des kollektiven Unbewussten. Jung war sich von Anfang an bewusst, dass ihm diese Publikation die Freundschaft mit Freud kosten werde. Aber er konnte und wollte seine Erkenntnisse nicht mehr länger zurückhalten. Die Trennung von Freud hat ihn sehr geschmerzt und auch einsam gemacht. Jung hatte damals einige überaus eindrückliche Träume und Visionen, die er aber nicht wirklich verstehen konnte. Es schien nichts zu geben, das ihm über seine Verwirrung hinwegzuhelfen vermocht hätte. Hören wir, was er selbst über diese Zeit sagte: „Ich lebte ständig in einer intensiven Spannung, und es kam mir oft vor, als ob riesige Blöcke auf mich herunterstürzen. Ein Donnerwetter löste das andere ab. Dass ich es aushielt, war eine Frage der brutalen Kraft. Andere sind daran zerbrochen. Nietzsche und auch Hölderlin und viele andere.“ (Erinnerungen, Träume, Gedanken, S. 180)

Der Weg des Kommenden – Liber Primus

Tatsächlich dachte ich schon 2009, als das Werk erschien, das Rote Buch ist das Rote Buch. Voller Emotionen, voller Leidenschaft, voller Feuer. Ja, manchmal gar mit einem Blick in das Höllenfeuer. Da finden sich Hass, Wut, Mord und Totschlag; und plötzlich weichen dunkelste Emotionen tiefster Liebe. Die unerträgliche Folter des kleinen Mädchens im Kapitel über den Opfermord wird zum Geburtsort der Seele. Das ist schwere Kost!

Wie also können wir uns ihm annähern? Zunächst hören wir, wie wir uns ihm nicht annähern sollten. In der Einleitung zum Ersten Buch, Der Weg des Kommenden, warnt Jung seine Leser oder Zuhörer in recht emotionaler Weise davor, seinem Weg zu folgen. Man spürt sofort, wie wichtig ihm dieses Anliegen ist. „Glaubt mir: Es ist keine Lehre und keine Belehrung, die ich euch gebe. Woher sollte ich nehmen, euch zu belehren? ... Mein Weg ist nicht euer Weg, also kann ich euch nicht lehren. Der Weg ist in uns, aber nicht in Göttern, noch in Lehren, noch in Gesetzen. In uns ist der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Jung warnt uns davor, seinem Weg zu folgen; es könnte ein Irrweg sein, denn: „Es gibt nur einen Weg, und das ist Dein Weg... Das Kommende wird in Dir und aus Dir geschaffen. Darum blicke in Dich selbst.“ Individuation im Sinne der analytischen Psychologie bedeutet, ganz dem eigenen, einzigartigen Lebensweg treu zu bleiben. Nur dieser kann meinem Leben Sinn verleihen.

Das Rote Buch ist ein eindrückliches Dokument eines westlichen Menschen auf der Suche nach seiner Seele. Jung war damals Professor an der Universität Zürich, hatte seine Professur aber aufgegeben. So hören wir im Roten Buch: „Ich war damals noch ganz befangen im Geiste dieser Zeit... Ich dachte und sprach viel von der Seele. Ich wusste viele gelehrte Worte über sie... Doch dann zwang mich der Geist der Tiefe, zu meiner Seele zu reden, sie anzurufen als ein lebendiges... Wesen. Ich musste innewerden, dass ich meine Seele verloren hatte.“ (Buch I, Kap. 1). Der Geist der Tiefe nahm ihm den Glauben an die Wissenschaft, er raubte ihm, wie es ganz am Anfang des Roten Buches heisst, die Freude des Erklärens und Einordnens. „Er zwang mich hinunter zu den letzten und einfachsten Dingen.“

 Zu diesen letzten und einfachsten Dingen fühlte sich Jung ein Leben lang hingezogen. Darum begann er 1923 damit, sein Anwesen am See, den Turm vom Bollingen, zu bauen. Bollingen wurde ihm zum Sacrum Philemonis, zum Heiligtum des Philemon, wie es in einer Inschrift über dem Eingang zum kleinen Turm, zu seinem Meditationsraum, heisst. Dahinter steht die Geschichte Ovids von Philemon und Baucis, jenem einfachen, alten Paar, das einst die als arme Wanderer verkleideten Götter, Zeus und Hermes, willkommen geheissen und bewirtet hatte, nachdem diese tausendmal vor verschlossenen Türen gestanden haben. Dafür gewährten ihnen die göttlichen Besucher einen Wunsch. Die beiden wünschten sich, bis zum Tode zusammenbleiben zu dürfen, und so starben sie gemeinsam, wobei sich ihre armselige Hütte in einen Tempel verwandelte, in welchem sie als Priester und Priesterin dienten.

Doch die erwähnte Inschrift hat noch einen zweiten Teil: Fausti poenitentia – zur Sühne des Faust. Das bezieht sich auf die Hybris des Faust, das heisst auf jene Szene am Schluss von Goethes Faust, in welcher Philemon und Baucis umgebracht werden, weil sie Fausts grossartigen Plänen im Wege sind. Diese Tat widerspiegelt die Besessenheit des europäischen Menschen, der seine Seele verloren hat. Der Heldenmord im Roten Buch muss auf dem Hintergrund dieser Hybris gesehen werden. Der Weg zum Geist der Tiefe kommt nicht am Heldenmord vorbei, oder anders ausgedrückt, niemand findet zur eigenen Tiefe, es sei denn, er opfere zuvor das Grosse und Heldenhafte in sich. Das ist die Bedeutung von Jungs Traum vom Mord an Siegfried, von dem wir im 7. Kapitel des Liber primus hören. Dieser Mord löst in Jung eine furchtbare Qual aus. Doch dann, in der äussersten Not, kommt das erlösende Wort: „Da trat der Geist der Tiefe zu mir und sprach das Wort: Höchste Wahrheit ist eines und dasselbe mit dem Widersinnigen. Dieses Wort erlöste mich, und wie ein Regen nach langer Hitze rauschte in mir hernieder all das zu hoch Gespannte.“ Die Begegnung mit dem Geist der Tiefe nimmt dem Menschen den Verstand, das heisst die Illusion, dass er die Welt und sein Leben begreifen könne. Denn im Widersinnigen oder Paradoxen ist die höchste Wahrheit verborgen.

Nun lässt sich Jung zusammen mit seiner Seele in „eine grausige Tiefe“ fallen. „Du fällst“, sagt er zu seiner Seele, „ich will mit dir fallen, wo du auch immer seiest.“ Die Folgen dieses Sturzes sind gewaltig. Jetzt nämlich öffnet ihm der Geist der Tiefe die Augen. Jetzt erblickt er die Welt der Seele, die Welt, wie sie wirklich ist. Und er erkennt: „Liebe, Seele und Gott sind nicht nur schön, sie sind auch furchtbar.“ Das ist die Wahrheit des Heldenmordes. Der Held hatte noch klare Ideale und Ziele. Er kämpfte, wie er glaubte, für das Gute und gegen das Böse. So lebt es sich natürlich nicht schlecht. Demgegenüber hören wir aber im Roten Buch: „Wer meint, seine Ideale wirklich zu leben oder leben zu können, der hat den Grössenwahn und benimmt sich wie ein Verrückter, indem er sich zum Ideal hinaufschauspielert. Der Held aber ist gefallen. Ideale sind sterblich.“ Diese Erkenntnis führt ihn zur Begegnung mit Elias, dem Alten, und dessen blinder Tochter, Salome. Damit beginnt sein Ringen um die Liebe.

Seele und Anima

Die erschütterndste Szene im Roten Buch ist zweifellos der Opfermord mit dem furchtbaren Mord am kleinen Mädchen, dessen Körper von schrecklichen Wunden völlig entstellt ist. Unmittelbar darauf folgt die Offenbarung der Seele in Gestalt des schönen Mädchens mit rotblondem Haar. Wir finden diese Szene erst relativ spät, im dreizehnten Kapitel des Zweiten Buches. Sie markiert den Wendepunkt des gesamten Roten Buches, denn hinter dem grausamen Mord offenbart sich nicht nur die Seele, sondern auch der Alte Weise, Philemon.

Doch bevor wir versuchen, diese Szene zu verstehen, muss ich noch einmal zurückblättern, zu Jungs erster Begegnung mit der Seele in der Wüste (4. Kapitel des Liber primus). Zunächst antwortet ihm die Seele auf seine verzweifelte Frage, was um alles in der Welt er hier in der Wüste zu suchen habe, nur mit einem einzigen Wort: „Warte!“ Dieses „Warte“ wird ihm zur grausamen Qual, denn es drängt ihn, endlich eine Antwort auf die ihn quälende Erkenntnis des Seelenverlustes zu erhalten. Später entspinnt sich dann aber doch noch ein kurzes Gespräch mit der Seele. Und dieses führt Jung zu einer doch bemerkenswerten Erkenntnis: „Ich wusste nicht, dass ich ein Gefäss bin, leer ohne dich, aber überquellend mit dir.“

In den folgenden Kapiteln 9 - 11 hören wir zum ersten Mal von Elias, Salome und der schwarzen Schlange oder, wie Jung diese Kapitel nannte, vom Mysterienspiel der Liebe. Ein alter Mann, Elias, der Prophet, stellt sich selbst und Salome als seine Tochter vor, worauf Jung schockiert fragt: „Die Tochter des Herodes, das blutrünstige Weib?“ Ja, sie, die den Kopf von Johannes dem Täufer gefordert hat. Sie ist blind, und schon bald richtet sie sich an Jung mit der, wie mir scheint, nicht ganz unerwarteten Frage: „Liebest du mich?“ Jung ist entsetzt. Wie soll er sie, an deren Händen das Blut des Heiligen klebt, je lieben? Salome aber lässt sich nicht beirren und meint bloss: „Ich liebe dich.“

Im Anschluss an diese Szene rätselt Jung über seine erste Begegnung mit Salome. „Ich liebe sie nicht“, sagt er zu sich selbst, „ich fürchte sie.“ Worauf ihm der Geist der Tiefe antwortet: „Daran erkennst du ihre Gotteskraft.“ Das erinnert an das Timor Dei initium sapientiae in Sprüche 1,7 ­– Die Furcht Gottes ist der Anfang der Weisheit oder, was dem hebräischen Text näher kommt, der Anfang der Erkenntnis oder des Wissens. Entsprechend könnte man sagen: Die Furcht vor der Anima oder der Seele (und vor dem Animus) ist der Anfang der Erkenntnis.

In den um 1925 herum verfassten Erklärungen (Rotes Buch, Anhang B) zum Mysterienspiel und ansatzweise auch schon im Roten Buch selbst, hat Jung die beiden Protagonisten, Elias und Salome, der in der Antike weit verbreiteten Antinomie von Logos und Eros zugeordnet. „Der Alte,“ heisst es hier, „stellt ein geistiges Prinzip dar, das man als Logos bezeichnen könnte, und das Mädchen ein ungeistiges Gefühlsprinzip, das man Eros nennen könnte.“ Diese Einengung reduziert das dramatische Geschehen allzu sehr ins Abstrakte hinein. Jung hat dieses Urteil später selbst korrigiert. In den Erinnerungen heisst es nämlich: „Man könnte sagen, die beiden Gestalten [Elias und Salome] seien Verkörperungen von Logos und Eros. Aber eine solche Definition wäre bereits zu intellektuell.“ Und er fügt hinzu: „Philemon und andere Phantasiegestalten brachten mir die entscheidende Erkenntnis, dass es Dinge in der Seele gibt, die nicht ich mache, sondern die sich selber machen und ihr eigenes Leben haben.“ (Erinnerungen, Träume, Gedanken, 185 f.)

Die Gestalten des Roten Buches wie Elias, Salome, Philemon und andere sind, wie Jung sagte, archetypische Figuren „kennzeichnend für den mythologischen Geist, der dem Bewusstsein zugrunde liegt.“ Diese Formulierung besagt, dass hinter den manchmal doch sehr banalen Alltagsgedanken sich eine ganz andere, faszinierend weite Welt verbirgt, die Welt der Mythen, der religiösen Bilder aller Zeiten und Völker; in unserer Seele sind wir mit dieser hintergründigen Welt verbunden und nicht allein, wie wir oft glauben. Es waren die Aktiven Imaginationen des Roten Buches, welche Jung diese hintergründige Welt bewusst gemacht haben, und es sind die Aktiven Imaginationen, die uns den „mythologischen Geist, der dem Bewusstsein zugrunde liegt“, bewusst machen können. Darum sind diese so wertvoll.

Im Zusammenhang mit dem Ringen um die Liebe hören wir immer wieder vom göttlichen Kind, das in Jung eine tiefe Sehnsucht erweckt. Diese Sehnsucht, sagt er, ist „der Weg des Lebens. Wenn du deine Sehnsucht dir nicht eingestehst, dann folgst du dir nicht selber, sondern gehst fremde Wege... So lebst du nicht dein, sondern ein fremdes Leben... Wer aber soll dein Leben leben, wenn du es nicht [selbst] lebst?“ Das für mich schönste Bild vom göttlichen Kind finden wir im Mysterienspiel (11. Kap.). Nach einem furchtbaren Kampf zweier Schlangen erblickt Jung das göttliche Kind. In der rechten Hand hält es die weisse, in der linken, die schwarze Schlange. Es ist dieses Kind, welches die Gegensätze zu verbinden vermag.

Aber wir dürfen uns nicht täuschen. Es ist kein liebliches Bild, denn im Hintergrund erscheint ein anderes Bild: „Ich sehe den grünen Berg, auf welchem das Kreuz Christi steht, und Ströme von Blut fliessen vom Gipfel des Berges – ich kann nicht mehr, es ist unerträglich – ich sehe das Kreuz und daran Christum in seiner letzten Stunde und Qual.“ Es ist, als ob Jung selber diese Qualen erleiden müsse. Jetzt steht er mit ausgebreiteten Armen da, gerade so, als wäre er selbst der Gekreuzigte; eine schwarze Schlange umwindet seinen Körper qualvoll. In diesem Moment taucht Salome auf und wendet sich an Jung mit dem berühmten Satz: „Du bist Christus.“ Er leidet. Die Schlange presst seinen Körper in ihre furchtbaren Ringe. Das Blut strömt ihm aus dem Körper. Salome aber beugt sich zu seinen Füssen und umwickelt sie mit ihrem schwarzen Haar. Und plötzlich ruft sie: „Ich sehe Licht.“ Salome ist sehend geworden! Sie hat ihre Blindheit verloren.

Wie konnte das geschehen? Offenbar hat sein Leiden an der Liebe ihre Blindheit geheilt. Vielleicht ist es ja wirklich so, dass die Anima des Mannes erst dann wirklich zum Leben erwacht, wenn er an der Liebe leidet. Aber davon sei jetzt nicht mehr die Rede. Es ist ja doch ein Mysterienspiel, dem wir hier beiwohnen. Und das Wort Mysterien kommt vom Griechischen myein, was ‚schweigen’ bedeutet.

Von Salome hören wir lange nichts mehr. Erst ganz am Schluss des 21. Kapitels tritt sie noch einmal ganz lebendig in Erscheinung. Es ist, als könnte Jung erst jetzt ihre Liebe ganz annehmen, oder, wie er selbst wohl gesagt hätte, so ganz wie möglich. Elias führt sie, die Sehende, hinein und übergibt sie ihm. Zwar zögert Jung erneut und sagt: „Um Gotteswillen – was soll ich mit Salome? Ich bin schon verheiratet und wir sind nicht bei den Türken.“ Aber dann, nach dem Liebeswerben der Salome, scheint sich das Blatt zu wenden. Denn nun dankt er ihr für ihre Liebe: „Ich danke dir für deine Liebe. Es ist schön, von Liebe sprechen zu hören. Es ist Musik und altes fernes Heimweh. Du siehst, meine Tränen fallen auf Deine guten Worte. Ich möchte vor Dir knien und hundertmal Deine Hand küssen, weil sie mir Liebe schenken wollte. Du sprachst so schön von Liebe. Man kann nie genug von Liebe sprechen hören.“

Der Opfermord

 Wie anders sind demgegenüber die Bilder vom Opfermord! Sie erwecken Ekel und Grauen. Was Jung sieht, ist furchtbar: Vor ihm liegt der geschundene Körper eines kleinen Mädchens, übersät mit schrecklichen Wunden und blutbeschmiert am ganzen Körper. Das Mädchen ist tot. Selbst der Kopf der neben ihm liegenden Puppe ist in Stücke zerbrochen. Doch dann entdeckt er beim Kind stehend eine verhüllte Gestalt. Diese zwingt ihn, ein Stück der Leber des gemarterten Mädchens herauszuschneiden und zu essen. Nach heftigem Widerstand kniet Jung schliesslich doch nieder und isst ein Stück der Leber. Er wird fast ohnmächtig. Dann heisst es schlicht: „Das Furchtbare ist vollbracht.“ Und in diesem Moment schlägt die Gestalt neben ihm den Schleier zurück, und ein schönes Mädchen mit rotblondem Haar steht neben ihm. Die Szene ist schockierend und furchtbar, und sie ist in höchstem Masse paradox: Auf der einen Seite das unsägliche Leiden des kleinen Mädchens, das Verbrechen und der qualvolle Tod, auf der andern die Enthüllung des rotblonden Mädchens, in dessen Haar sich das Sonnengold widerspiegelt. Dieses offenbart sich ihm als seine Seele.

Diese Bilder sind wahrlich nicht leicht zu verstehen. Vieles im Roten Buch bleibt ein Rätsel, doch obwohl wir manches nicht verstehen, ist deutlich zu spüren, dass in diesen Bildern eine tiefe Wahrheit verborgen liegt. Das gilt ganz besonders für die Szene vom Opfermord. Die vergleichende Religionsgeschichte kann uns helfen, gewisse Dinge etwas besser zu verstehen. Zum Opfermord etwa gibt es viele Parallelen aus der Mythologie. In verschiedenen Schöpfungsmythen wird die Welt und die Menschheit aus dem toten Körper einer geopferten oder sich selbst opfernden Gottheit erschaffen. „Schöpfung“, sagt Marie-Louise von Franz in ihrem Buch über die Schöpfungsmythen, ist „eine Art Mord... Es ist unmöglich, irgendetwas zu erschaffen, ohne gleichzeitig etwas anderes zu zerstören.“ Im babylonischen Schöpfungsmythos beispielsweise ist es Tiamat, aus deren Leichnam Marduk die Welt erschafft, indem er diesen mit Hilfe des Windes in Stücke reisst. In der germanischen Mythologie wird der Urriese Ymir von Odin und seinen Brüdern erschlagen, um aus seinem Leichnam das Universum zu erschaffen.

Viele weitere Beispiele wären zu nennen: der chinesische Urgott Pangu etwa, aus welchem das Universum entstanden ist; der indische Urmensch Purusha usw. Marie-Louise von Franz deutet das Motiv vom Opfermord psychologisch so: Das Urwesen, sei es nun ein Gott oder eine Göttin, ein Riese oder ein Naturdämon, oder auch das kleine Mädchen im Roten Buch, verkörpert einen Aspekt der vorbewussten Ganzheit. Diese Ganzheit muss zerstört oder eben geopfert werden, damit das Bewusstsein in seinen Entwicklungen vorankommen kann. „Jeder Fortschritt des Bewusstseins, und sei er auch noch so klein, jeder schöpferische Prozess... beginnt damit, eine ursprüngliche Ganzheit und ein bestehendes Gleichgewicht zu zerstören.“ (Schöpfungsmythen, S. 128 f.)

Das zweite Motiv vom Essen eines Stückes des Leichnams ist vielleicht noch schwieriger zu verstehen. Aber auch dieses hat religionsgeschichtliche Parallelen. In den hellenistischen Einweihungsritualen, etwa im Attiskult, wird der Einzuweihende durch die sakramentale Speise, das heisst durch die Aufnahme des Gottes im Akt des Essens wiedergeboren. Selbst die christliche Abendmahls- oder Eucharistiefeier enthält noch diese archaische Vorstellung: Der Priester, der dem Gläubigen die Hostie überreicht, spricht die folgenden Worte: „hoc est Corpus Christi“ – dies ist der Leib Christi. In allen diesen Ritualen geht es darum, ein Stück des göttlichen Lebens zu integrieren.

Psychologisch und im Zusammenhang des Roten Buches bedeutet dieses Opfermahl ein äusserstes Leiden an der Liebe, die Integration dessen, was man eben nicht versteht. Die Leber ist der Sitz des Lebens, sie verkörpert gewissermassen die Essenz der Liebe. Aber dieses Essen von der Leber bewirkt auch eine Schuld. Deshalb ist im Anschluss an die Opferszene im Roten Buch von der „Mitschuld an der Tat des Bösen“ die Rede. Der Mensch und paradoxer Weise ganz besonders der schöpferische Mensch muss diese Schuld anerkennen. Er muss das Böse genauso anerkennen wie das Gute. Um daran nicht zu verzweifeln, bedürfen wir der Hilfe des Mädchens mit den rotblonden Haaren, in denen sich das Sonnengold spiegelt, der Hilfe der Seele.

Kein Bild drückt das Leiden an der Liebe, das heisst aber auch am Erwachen der Seele und des göttlichen Kindes besser aus als Jungs Bild „Amor triumphat“ (Das Rote Buch, S. 127).

Amor triumphat  /  Philemon

Philemon

Seine Seele führt Jung schliesslich zum Alten Weisen, zu Philemon. Zu ihm spricht er: „Ich weiss deiner Geheimnisse letztes: Du bist ein Liebender… Meine Augen wurden geöffnet, und ich sah, dass du ein Liebhaber deiner Seele bist… [Doch] wer schöpft das Geheimnis der Liebe aus? ... Es gibt solche, die Menschen lieben, solche, die die Seelen der Menschen lieben, und solche, die die eigene Seele lieben. Ein solcher ist Philemon, der Wirt der Götter...

Der Christus hat die Menschen begehrlich gemacht, denn seither erwarten sie von ihren Heilanden Geschenke ohne Gegenleistung… Du bist weise, o Philemon, du schenkst nicht. Du willst die Blüte deines Gartens, und dass jegliches Ding aus sich selber wachse…

O Herr des Gartens! Ich sehe deine dunklen Bäume von ferne in flammender Sonne. Meine Strasse führt in die Täler, wo die Menschen wohnen. Ich bin ein wandernder Bettler. Und ich schweige.

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