Themenschwerpunkt: Mythen der Seele
«Aber der Mensch und seine Seele, das Individuum, ist der einzig wirkliche Lebensträger, der nicht bloss arbeitet, frisst, schläft, sich fortpflanzt und stirbt, sondern eine über ihn hinausreichende sinnvolle Bestimmung hat. Und gerade dafür haben wir keinen «Mythus» mehr.» (C.G. Jung, Briefe, Bd. III, p. 10)
«Mythos» ist ein uralter Begriff, der im Laufe der Zeit schon ganz unterschiedlich definiert wurde. Je nach Perspektive oder Schwerpunkt in den verschiedenen Wissenschaften hat er eine etwas andere Bedeutung. Ein Mythos kann etwa eine Geschichte oder eine bildhafte Erzählung sein, die natürliche oder soziale Phänomene veranschaulichen soll. Hingegen erklärt ein religiöser Mythos, wie das Dasein des Menschen mit der Welt der Götter, Geister und übernatürlichen Kräfte verknüpft ist.
Heute kommt dem Begriff «Mythos» das Modewort «Narrativ» relativ nahe. Dieses wird allerdings für alles Mögliche verwendet und beinhaltet eher eine vom Menschen erdachte und also austauschbare Anschauung, oder eher schon ein Dafürhalten, das nicht zwingend «wahr» sein muss. Daher gibt es verschiedene Narrative für ein und dieselbe Sache. Anders soll der in einem Mythos ausgedrückte Inhalt Wahres berichten, meist aus der Vorzeit stammend und also tief im kollektiven Unbewussten wurzelnd.
Sagen und Mythen werden gelegentlich in einem Atemzug genannt, vor allem wenn sie Aussagen machen, die zu einem ganzen Kulturkreis oder einer bestimmten geographischen Region gehören, beispielsweise «die griechischen Sagen und Mythen» oder «die Sagen und Mythen Nordeuropas». Jedoch fassen Mythen Göttergeschichten oder Ursprungserzählungen, während Sagen voller Überlieferungen von übernatürlichen Begebenheiten rund um menschliche Figuren sind. In Legenden und Lokalsagen schliesslich, um noch eine weitere Gattung von Erzählungen mit vorwiegend archetypischem Gehalt zu nennen, ist der Held noch mehr ein durchaus menschliches Wesen, wenngleich oft mit dem Status eines Heiligen.
Was ist also gemeint mit unserem Motto «Mythen der Seele»?
Reden wir von Mythen, die sich der Mensch über die Seele macht? Oder aber eher von Mythen im Sinn von archetypischen Vorstellungen, die sich die Seele selbst aus ihrem unermesslichen Fundus erschafft?
Die Seele bzw. das Unbewusste scheint tatsächlich eine eigene Sicht zu haben auf psychische Gegebenheiten wie Geburt und Tod, Stagnation und Erneuerung, Zeitlichkeit und Ewigkeit, Krankheit und Gesundheit, sowie nicht zuletzt bezüglich Fragen über den Sinn des Lebens.
Die Entwicklung eines Mythos zu verfolgen, ist sehr interessant: Allgemein dürfte an seinem Ursprung immer ein Sinneserlebnis stehen, etwa die Wahrnehmung der Sonne als runder Himmelskörper (C.G. Jung, Briefe I, S. 257), der jeden Morgen über dem Horizont erscheint, viel Licht und Wärme mit sich bringt, und am Abend wieder verschwindet und dabei Dunkelheit und Kälte zurücklässt. Das Unbewusste hat aus diesem erlebbaren Vorgang Mythen erschaffen. Beispielsweise ist im Pharaonischen Ägypten eine reichhaltige Mythologie mit Texten, Bildern und Ritualen zur Erneuerung des Sonnengottes entstanden. Gemäss diesem Mythos «altert» der Sonnengott und wird als Horus-Sohn wiedergeboren. Die archetypische Psychologie nun übersetzt das Motiv der Verjüngung des Sonnengottes und erkennt in den mythologischen Symbolen den Vorgang der seelischen Erneuerung und Wiederbelebung, sei es im individuellen oder kollektiven Bewusstsein.
Gerade dieses Beispiel verdeutlicht den immensen Wert eines Mythos, weil er den Menschen an das viel Grössere anschliesst. Der Mythos gibt dem «kleinen» menschlichen Wesen in vielen Details an, woran es sich bei seinen existenziellen Fragen orientieren kann, etwa wenn ihm das Licht ausgeht, das heißt wenn er in eine Depression fällt. Gerade weil sich seelische Krisen nur selten mit vernünftigen Argumenten bewältigen lassen, brauchen wir die Geschichten der Götter oder eben Mythen der Seele. Für verschiedene extreme Situationen haben Mythen eine Erklärung, und wenn wir diese kennen und zu begreifen versuchen, sind wir aufgehoben im Grossen und Ganzen des Selbst, oder wenigstens einigermassen ans Selbst angeschlossen.
Mythen schenken uns nicht zuletzt archetypisches Wissen über das menschliche Zusammenleben. Sie zeigen uns, wie ein instinktgemässes und sinngebendes Zusammenleben auch für uns aussehen könnte.
Mythen dienen vor allem als Sinnstifter und spenden Orientierung, was besonders hilfreich ist in einer Zeit, in der die Auflösung von zahlreichen bisherigen Gewissheiten die Menschen so sehr verunsichert.
Wenn wir auch keinen verbindlichen kollektiven Mythos einer über den biologischen Menschen hinausführenden sinnvollen Bestimmung mehr haben, wie C.G. Jung im eingangs zitierten Brief andeutet, sei es, weil wir die Mythen in der überlieferten Form nicht mehr recht verstehen, sei es, weil sie «alt und müde» geworden sind, so erleben wir gleichwohl, dass die Seele Mythen neu produziert und nicht aufhört, sie zu erzählen. Mythen können über Jahrhunderte oder Jahrtausende Gültigkeit besitzen, aber sie scheinen sich auch zu wandeln und ständig neue Ausdrucksformen zu finden.
Die Mythen der Seele können uns immer wieder von neuem nähren und erfüllen, vor allem, wenn wir ihre archetypische Bedeutung auf unsere ganz eigene Art und Weise erforschen und ihnen individuell nachspüren, das heißt im Grunde auch, wenn wir der Symbolik der Mythen unsere eigene, moderne Sprache geben. Vielleicht verlagert sich so der Schatz der Mythen ein Stück weit zum Einzelnen hin, wo sich die tragenden Mythen, nicht zuletzt dank der Unterstützung von archetypischen Träumen, weiter und weiter entwickeln.
Wir dürfen uns auf fünf aufschlussreiche, interessante und lehrreiche Vorträge freuen und danken den Referenten jetzt schon für die sorgfältige Ausarbeitung ihres Themas und für ihre Präsentation im Psychologischen Club.
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Robert Matthews setzt seine Vortragsreihe über verschiedene Motive aus der Graals-Erzählung von Wolfram von Eschenbach fort. War im September 2025 der Weg der Heldenfigur Parzival sein Hauptthema, so stellt er diesmal eine hässliche, aber äusserst faszinierende Figur ins Zentrum: Cundrie (Kundry). Ihre Hässlichkeit passt zu ihrer Funktion, denn sie ist die Überbringerin von Wahrheiten, die der Mensch zunächst nicht hören will. Sie deckt auf, dass Parzivals Ruf eines ehrenvollen Ritters nicht genug ist. Erst als Parzival sich mit dieser unliebsamen Botschaft über sich selbst konfrontiert sieht, beginnt er seinen viel wesentlicheren Weg.
Der Vortrag wird auf Englisch gehalten.
Maximilian Jaquerod stellt aus psychiatrischer Sicht zwei Mythen über die Wirklichkeit des Seelischen einander gegenüber: die Analytische Psychologie von C.G. Jung und die sogenannte dritte Welle der Psychotherapie. Die beiden Ansätze seelisches Leiden zu verstehen und darauf therapeutisch zu reagieren, sehen auf den ersten Blick ganz unterschiedlich aus. Der Vortrag geht der Frage nach, welche vergessene Anschauungen von Jung in der heutigen Psychiatrie durchaus (wieder) Verwendung finden.
Vielleicht ergibt sich eine Diskussion darüber, wie wichtig es wäre, gerade bei Fällen von schweren psychischen Störungen, die in einer psychiatrischen Praxis oder Klinik behandelt werden, einen Mythos der Seele zu haben. Dies wäre eine archetypische Auffassung davon, was den Menschen quält und seelisches Leiden verursacht.
Sabine Schneiter kann als erfahrene Notfall-Ärztin spannende Geschichten aus ihrem Alltag erzählen. Solche Erfahrungen sind für uns – zum Glück! – oft unbekannt. Umso mehr ist es eine Bereicherung, wenn wir nicht nur hören, was sich auf einer Notfall-Station eines grossen Spitals abspielen kann, sondern auch, was für ein Mythos unserer Gesellschaft dabei gespiegelt wird. Insbesondere gehören die Fragen dazu, wie wir mit dem Tod umgehen oder wie Leiden ausgehalten werden kann.
Paul F. Wassmann ist emeritierter Professor für Arktis- und Meeresbiologie an Norwegens Arktischer Universität, Tromsø. 2024 ist sein Buch «Verwilderte Pfade der germanischen Mythologie» erschienen. Es handelt, wie wir im Untertitel erfahren, von den «vernachlässigten, dämonisierten und verdrängten archetypischen Darstellungen der ursprünglichen germanischen Kultur». Seinen Fokus hat er anscheinend von der Tiefe der arktischen Meere mehr zur Tiefe des Germanischen Götterwissens verschoben. Wie seine Untersuchung der Götterfigur Odin belegt, hat sich der Mythos im Laufe der Zeit gewandelt und weiterentwickelt. Paul W. Wassmann erkennt in einer uralten mythologischen Erzählung völlig Modernes, nämlich die Individuation des Einzelnen.
Regula Weisser arbeitet seit vielen Jahren an ihrer tiefenpsychologischen Deutung der Legende vom Heiligen Gregorius. Aus einer reichen, tiefen Erfahrung heraus spricht hier die Jungsche Analytikerin über das Irrationale, das Naturhafte, das Weibliche sowie die Liebe als verwandelnde Macht.
Das Buch von Regula Weisser Blaser «Gregorius, der gute Sünder. Vom Schmerz der Trennung zur Ganzwerdung der Seele» ist in Vorbereitung. Mit ein bisschen Glück liegt es am Tag des Vortrages bereits auf dem kleinen runden Tisch im Psychologischen Club.
Juli 2026, Irene Gerber